Bevor wir verstanden warum Vulkane Feuer spuckten, dichten wir Mythen von Göttern die diese unerklärlichen Dinge möglich machten. Mit jedem Funken Wissen, schwand aber die Notwendigkeit für Götter. Irgendwann dachten wir, wir wüssten nun alles und gingen daran das göttliche auszulöschen.

Als die westliche Gesellschaft beschloss Gott zu töten tat sie das aus den besten Beweggründen. Religion würde Menschen zurückhalten, versklaven und von den Mächtigen benutzt werden um die Armen auszubeuten, zudem sei Gott nur ein Märchen.

So ging die Gesellschaft ans Werk und tötete (erfolgreich) den christlichen Gott.

Das Problem aber war dass wir eben nur Gott getötet und seine Vertreter diskreditiert haben, nicht aber darüber nachgedacht haben warum gerade die Kirche die Macht hatte die sie eben hatte. Warum kaufte das Volk solange was diese Schlangenölverkäufer zu verkaufen hatten? Darüber dachte kaum jemand nach.

Nietzsche etwa sah mit dem Ende der Religion den Aufstieg der Ideologie kommen. Ideologie und Religion befriedigen im Wesentlichen exakt die gleichen Sehnsüchte: den Wunsch nach etwas das größer ist als wir, eine Gemeinschaft und ein Heilsversprechen. Fast jeder sehnt sich wenigstens nach einem dieser Dinge.

Wie aber war es früher?

In den altvorderen Zeiten wurde man in eine Gemeinde geboren. Man ging mit den Eltern in die gleiche Kirche in der schon sie sich als Kinder den Hinter abfroren. Hinterher ging man mit der Dorfjugend spielen. Es macht da nur bedingt einen Unterschied ob es der Sohn des Müllers oder des Schmieds oder aber des Dorfarztes war. Alle hatten eines gemeinsam: sie waren froh endlich nicht mehr auf den harten und kalten Holzstühlen sitzen zu müssen und endlich fangen spielen zu können. Man war eine Gemeinschaft und Jahre später traf man sich noch immer jeden Sonntag und ging hinterher eben etwas trinken. Gesellschaftliche Schranken mögen zwar nun greifen aber man kannte sich und egal wie sehr man sich nun entgegenstand, man war eben immer noch eine Gemeinschaft die sich eben kannte. Diese Gemeinschaft war die Manifestation von Gott.

Was bedeutet das?

Götter im Allgemeinen erwarten stets „Glauben“ und „Opfer“ und geben dann, in ihrer eigenen Art und Weise und zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl, Belohnungen aus.

Im Wesentlichen ist das ein Sinnbild der Gesellschaft: wir opfern Spaß für Bildung oder Saat für Getreide und irgendwann später zahlt sich dieses Opfer dann aus.

Oder auch nicht. Gott gibt ja keine Garantie.

Die Gesellschaft wurde also als mehr als die Summe ihrer Teile gesehen und genau diese (unerklärliche) Differenz wurde „Gott“ genannt. Dieses Ding das da ist, wenn man fest daran glaubt, versprach, wenigstens implizit, dass eine bessere Zeit kommen würde. Und auch das stimmte. Solange die Gesellschaft zusammenhielt wurden die Lebensumstände üblicherweise eher besser.

Als wir uns von dem Konzept „Gott“ lösten wurde nur das Vehikel gesprengt, nicht aber der Bedarf danach eliminiert. Menschen wollen noch immer das haben was die Kirche ihnen gab, also suchten sie sich diese Dinge wo anders. Wer suchte der findet dann natürlich auch.

Von Nationalismus über Kommunismus zu Flatearthgläubigen, Selbstmordsekten und Veganern bis hin zu Fußballvereinen und eben wieder anderen Religionen wird der Suchende dann eben rasch recht fündig. Überall werden Gesellschaften angeboten, Heilsversprechen gegeben und das Gefühl vermittelt man sei Teil etwas das größer wäre als die Summe seiner Teile.

Die bittere Wahrheit ist: die Menschen brauchen den Glauben an Heilsversprechen, eine glaubende Gemeinschaft in der alle wenigstens in einem Aspekt gleich sind und eine Motivation Opfer zu bringen. Es hilft natürlich auch einen Prediger zu haben der einen versichert, dass man Teil der Guten ist, egal was man tut.

Die Sehnsucht nach Gott ist also sehr lebendig und sehr präsent. Der Umstand dass wir „Gott“ nun andere Namen gegeben haben ist hierbei völlig unerheblich. Gott ist und bleibt der Teil der belohnt und straft aber niemals greifbar ist: er ist ein Resultat Handlungen der gläubigen Gemeinschaft die den gleichen Werten folgt.

Für mich etwa manifestiert sich Gott in jedem zwischenmenschlichen Kontakt, in Situationen in denen fünf Menschen, die jeder für sich ein Problem nicht lösen konnten, es plötzlich als Gruppe in der Gruppe mit einer erstaunlichen Leichtigkeit lösen können.

Die Göttlichkeit ist nicht in uns. Göttlichkeit ist zwischen uns und braucht nicht wirklich einen Namen. Was diese Göttlichkeit aber braucht ist die Akzeptanz dass es sich auszahlt Opfer zu bringen und die Gemeinschaft zu pflegen, auch wenn das bedeutet einen kalten Hintern zu ertragen und vor allem: auch die Leute in der Gemeinschaft die wir nicht ausstehen können. Denn gerade zwischen jenen die unterschiedlich sind passt verflixt viel Gott.

Am Ende des Tages ist der Verlust der Kirche in der westlichen Welt etwas das uns als Gesellschaft fragmentiert hat. Wir folgen jetzt unterschiedlichen Werten und Heilsversprechen und leben in Gesellschaften nebeneinander, aber manche dieser neuen Glaubensrichtungen erwiesen sich als überaus erfolgreich und günstig für seine Anhänger.

Die Frage ist: können wir zurück? Können wir wieder Gesellschaften bauen in denen sich Menschen die sich nicht ausstehen können auch als ein „wir“ verstehen und, trotz aller Differenzen, kooperieren und das feiern das zwischen uns ist oder aber ist es dafür im Westen zu spät?

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