Als Martin Luther seine Thesen veröffentlichte, hatte er nicht vor, eine neue Kirche zu gründen. Er wollte die Kirche zu dem zurückführen, was sie einmal war.

Die meisten vergleichbaren Persönlichkeiten wurden vergessen, Luther gilt aber als Begründer einer der wesentlichen Splittergruppen des Christentums.

Die besagte Splittergruppe leidet im Moment, genau wie die katholische Version, an dem Umstand, dass sie Jahrhunderte auf der Wortwörtlichkeit ihrer Schriften beharrt hat, die Inkompatibilität mit der Realität aber nun völlig und für jedermann offensichtlich geworden ist (Ein Schickal, das dem Islam ebenso blüht).

Die Frage ob Gott einen Stein erschaffen kann, den er selber nicht heben kann, ist eine Frage, die keine Religion mit absolutem Wahrheitsanspruch beantworten kann.

Ist das Christentum am Ende?

Scheinbar nicht.

Nach der roten und dann schwarzen Pille, also der Idee dass wir belogen wurden (red pill) und diese Lügen zum Kollaps der Zivilisation führen werden (black pill) huscht nun die weiße Pille durchs intellektuelle dark Web. Die Idee ist dass Hoffnung und der Glaube an etwas das wir nicht verändern können im Wesentlichen das Element ist das Gesellschaften davon abhält sich selbst zu zerstören.

Als Leitsatz gilt „Leben dein Leben als gäbe es einen Gott“ Die Eleganz an dieser Formulierung ist dass sie auch für jene Ansprechend wirken kann die eine Existenz Gottes für ausgeschlossen oder wenigstens unwahrscheinlich halten. Die Bibel wird dann nicht mehr als ein göttliches Werk verstanden sondern vielmehr als das Kondensat von Erfahrungen.

Es ist eine Geschichtesammlung in der jene Geschichten die einen Wert hatten blieben, wohingegen jene die keinen Wert hatten einfach vergessen wurden (Meme Evolution).

So findet sich die Geschichte der Flut immer wieder in diesen Geschichtesammlungen. Aber was ist die Idee dahinter? Dass man alle Tiere der Welt in ein Schiff packen kann? Nein.

Es bedeutet, dass aus dem Nichts plötzlich die Gesellschaft verschwinden kann und die Überlebenden von vorn beginnen und diesem Neubeginn üblicherweise eine schwierige aber auch bessere Welt folgt, ein Besinnen auf das Wesentliche und eine Abkehr von der Dekadenz. Für die man nach dem Neuanfang einfach keine Zeit mehr hat.

Die Bibelserie von Jordan Peterson etwa war auch für mich als Agnostiker spannend. Dave Cullen aber brachte es kürzlich auf den Punkt mit seinem Statement zum white pilling: Spiritualität bedeutet zu akzeptieren dass es Regeln gibt die wir nicht verhandeln können. Welche das sind muss vermutlich von diesem neuen Christentum erarbeitet werden, denn dieses neue Christentum hat den Luxus die letzten zweitausend Jahre Geschichten miteinzubeziehen.

Kondensiert man etwa die besten Geschichten der letzten Jahrzehnte, etwa die erfolgreichsten Filme des letzten Jahrhunderts, kann man eine Message aus diesen extrahieren? Was hat Avatar und Avengers gemeinsam? Ist es denkbar dass Menschen in 2000 Jahren das Buch Avatar interpretieren? Unterhaltsamer, wenn auch weniger brutal als Levitikus wäre es ja allemal.

Und kann es sein dass die westliche Geschichte schlicht mehr Überzeugungskraft hat als jede Andere?

Wie steht es mit Interpretationen durch Außenstehende? Kōdo Giasu etwa interpretierte Gott als das gemeinsame Unterbewusstsein aller Menschen und thematisierte die Frage was passieren würde wenn man diesen Gott töten würde. Durchaus interessant.

Wie dem auch sei: der Westen hat nie aufgehört immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen und entsprechend interpretiert finden sich die gleichen Geschichten in diesem alten, langweiligen, verstaubten Wälzer: Es sind Geschichten von Menschen ohne Macht die sich mit Mächten anlegten. Mal verloren, mal gewannen und gelegentlich erkannten dass sie gegen Windmühlen kämpften. Dieser Fall, wenn man erkannte dass es Dinge gibt die nicht besiegt werden können, etwa die Loyalität einer Mutter zu ihrem Kind, entstand der Eindruck dass man gegen Gott kämpft und dieser Kampf nicht zu gewinnen sei. Was man also lehrt ist dass man diesen Kampf nicht suchen sollte.

Dort wo Gott wirkt, wirkt kein Typ in weißem Gewand der auf einer Wolke sitzt sondern unsere Urinstinkte und die Physik. Die Anziehungskraft ist nicht da weil Gott will, aber keine EU Richtlinie kann sie negieren.

Manche Fakten sind nicht verhandelbar, nicht veränderbar und eventuell ewig.

Dieses neue Christentum, das Gott als ein Gleichnis sieht und die Bibel als Kondensat von Wissen, Erfahrungen, Fehler und als Mahnmal der Vergangenheit wächst im Moment mit durchaus erstaunlicher Geschwindigkeit.

Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Zeit bis es genauso korrumpiert wird wie seine Vorgänger, aber es ist eine Version des Christentums dem ich mich zwar nicht verschreiben möchte, mit dem ich aber in meiner Umgebung gut klar kommen könnte.

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Tourix

Tourix bewertete diesen Eintrag 12.06.2019 14:00:18

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