Democracy heisst Demokratie. Demos crazy heisst "Volk verrückt" (eine altgriechisch-englische Wortkombination). Betrachten wir zwei EU-Volksabstimmungen der letzten Monate:

Es gibt das Gerücht, dass beide Referenden auf EU-Ebene (das Brexit-Referendum und das holländische Referendum zur wirtschaftlichen Assoziierung mit der Ukraine überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatten, mit der sie eigentlich zu tun hätten haben sollen.

Für das britische Referendum ausschlaggebend war laut dieser Theorie der Streit zwischen britischem Premierminister Cameron und seinem Finanzminister. Cameron hatte für "In der EU bleiben" geworben.

Allerdings hatte der Streit zwischen ihm und seinem Finanzminister rund um Steuererhöhungen einen chaotischen Eindruck hinterlassen.

Cameron hatte vor dem Brexit-Referendum versprochen, im Fall einer Wahlniederlage zurückzutreten.

D.h. entscheidend für das Brexit-Referendum dürfte gewesen sein, dass 4% der Briten den Eindruck hatten, durch ein Nein-Votum beim Brexit-Referendum Cameron, der wegen der Steuererhöhungsdebatte chaotisch und führungsschwach gewirkt hatte, loswerden zu können.

Es ging beim Brexit-Referendum gar nicht um den Brexit, sondern darum, Cameron loszuwerden, der kurzfristig einen schlechten Eindruck gemacht hatte.

Ähnliches gilt für das Ukraine-Assoziierungsabkommen in Holland.

Auch bei diesem ging es nicht um den Assoziierungsvertrag mit der Ukraine, sondern um eine Äußerung von EU-Aussenbeauftragter Mogherini, die kurz vor dem Referendum gesagt hatte, der politische Islam gehöre zu Europa.

Da Geert Wilders von der islamkritischen "Partij voor de Vrijheid" der Hauptbetreibende der Anti-Assoziierung-Ukraine-Kampagne war, bekam die "Nein zur Assoziierung mit der Ukraine"-Fraktion eine Mehrheit, aber nicht, weil das Volk gegen die Assoziierung mit der Ukraine war, sondern weil das Volk wegen der Mogherini-Aussage, der politische Islam gehöre zu Europa, den islamkritischen Betreiber der Anti-EU-Ukraine-Assoziierungs-Kampagne, Geert Wilders, stärken wollte.

Es ging beim holländischen Ukraine-Assoziations-Referendum gar nicht um den Assoziationsvertrag mit der Ukraine, sondern um die Angst vor der Islamisierung, insbesondere der politischen Islamisierung - so die Theorie.

Wenn die Wähler bei Volksabstimmungen und Referenden gar nicht um die Dinge abstimmen, um die es eigentlich geht, sondern um etwas, das gaaaaanz am Rande mit dem Referendum zu tun hat, dann stellt sich die Frage, ob das Volk verrückt ist. Insbesondere die last-minute-deciders, die sich im letzten Moment oberflächlich informiert und durch die "Politik der Gefühle" irregeführt und manipuliert auf die Schnelle für etwas entscheiden, das sie oft kurz danach extrem bereuen, sind eine Gefahr für die Demokratie oder können als solche betrachtet werden. Ähnliches kann auch für die Jungwähler gesagt werden, wobei paradoxerweise gerade die Jungwähler, die sich ihres Informationsmangels wegen Jugend bewußt sind, nicht wählen, während diejenigen Jungwähler, die von ihrer Unwissenheit nichts wissen, mit der irrigen Annahme der Allwissenheit bzw. des Wissens wählen.

In der Psychologie nennt man das den Dunning-Kruger-Effekt, nach den Psychologen Dunning und Kruger.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt

Es stellt sich auch die Frage, ob die Demokratie völlig verrückt und völlig kaputt ist.

Wenn die Bürger keine andere Möglichkeit haben, ihren Willen auszudrücken, als durch "Denkzettel"-Stimmen und "Protest"-Stimmen, dann scheint an der Demokratie etwas faul zu sein.

Es kann natürlich auch sein, dass hier ein komplettes bzw weitgehendes Medienversagen bzw. Versagen der politischen Eliten vorliegt.

Ein Zitat aus dem Wikipedia-Eintrag zum Dunning-Kruger-Effekt:

"Als Dunning-Kruger-Effekt wird eine kognitive Verzerrung bezeichnet, bei der relativ inkompetente Menschen die Tendenz haben, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen.[1][2] Der populärwissenschaftliche Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zurück. In der psychologischen Fachliteratur selbst spielt er bislang kaum eine Rolle, wohl aber in akademischen Publikationen außerhalb der Psychologie[3][4][5] sowie in Blogs und Diskussionsforen des Internets.

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

– David Dunning[6]

Dunning und Kruger hatten in vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. An der Cornell University erforschten die beiden Wissenschaftler diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zum Resultat, dass weniger kompetente Personen

dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen,

überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen,

das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht zu erkennen vermögen,

durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz steigern, sondern auch lernen können, sich und andere besser einzuschätzen.

Dunning und Kruger zeigten, dass schwache Leistungen mit größerer Selbstüberschätzung einhergehen als stärkere Leistungen. Die Korrelation zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlicher Leistung ist jedoch nicht negativ, höhere Selbsteinschätzung geht also tendenziell nicht mit schwächeren Leistungen einher.

Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie den satirischen Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie."

Den Hinweis auf den Dunning-Kruger-Effekt erhielt ich in meiner Zeit in der Piratenpartei.

Zahlreiche parteiinterne Abstimmungen damals wurden von Mitgliedern mit der Bemerkung quittiert: "Die einzige Möglichkeit für das Zustandekommen dieser Abstimmung ist der Dunning-Kruger-Effekt." Haben bzw. hatten sie recht ?

"Und so sehen wir betroffen: der Blog war lang und alle Fragen blieben offen" (Frei nach Marcel Reich-Ranicki)

0
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
0 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Noch keine Kommentare

Mehr von Dieter Knoflach