Apropos Interview: Bei kaum einer Gelegenheit wird mehr gelogen, als in Interviews mit Politikern. Überhaupt sagen Menschen ständig die Unwahrheit, bewusst und unbewusst. Bis zu 200 Lügen pro Tag sollen es durchschnittlich sein. Können wir überhaupt auf Lügen verzichten? Und wenn ja - sollten wir das? Lügen können auch soziales Schmiermittel sein, wie ein nettes Kompliment oder unser Selbstbild stärken, erzeugen oft auch ein einseitig falsches Bild von uns selbst.

Nicht jede Lüge ist a priori etwas Böses, wie uns die Bibel fälschlich suggeriert.

Konfuzius hat gemeint, dass die "Wahrheit die Menschen kleiner mache", weshalb man sich "danach gleich ein schnelles Pferd satteln sollte". Ingeborg Bachmann wiederum sagt:

"Die Wahrheit sei den Menschen zumutbar".

Die richtige Antwort zwischen Wahrheit und Lüge wird in meinen Augen dort zu finden sein, was wir mit "Taktgefühl" umschreiben.

Wenn wir Kindern Märchen erzählen oder der Arzt einen totgeweihten Krebspatienten nicht gleich mit der ganzen Wahrheit konfrontiert oder ein nettes wenn auch nicht ganz ehrliches Kompliment über die (vermeintliche) Schönheit einer Frau wird man wohl nicht als Lüge im negativen Sinn bezeichnen können.

Wieso schummelt Ms. Trump mit einer kopierten Rede von Michele Obama oder eine prominente deutsche SPD-Politikerin (Petra Hinz) ganze Studienabschlüsse in den Lebenslauf? Warum lügte Gutenberg und machte aus seiner Dissertation ein Copy&Paste?

Wie oft warst du auf "f+f" schon unehrlich? Gar nicht? Das ist doch gelogen! Und du sollst doch nicht lügen. So steht es in der Bibel und den 10 Geboten und das prägen uns unsere Eltern, Lehrer und Verwandten von klein auf ein. Und doch lügen wir. Die meisten von uns jeden Tag, sogar mehrmals, mal lügen wir andere an, mal uns selbst. Und die strengsten Eltern ziehen oft die besten Lügner groß.

In den USA sind die Lügen der "Scheinheiligkeit" (hypocritical society) weit verbreitet. Vermögende Amerikaner glauben, ein paar Charity-Events würden ein gesetzlich klar geregeltes Sozialsystem ersetzen oder wenn Madonna wie ein Konsumgut ein schwarze Kleinkind in Afrika kaufte. Dabei beruhigen sie idR. damit lediglich ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Verlierern unserer Gesellschaft oder es dient als PR-Gag. US-Präs. Roosevelt hat die Basis für ein soziales Fundament nach der Weltwirtschaftskrise geschaffen (Sozialversicherung).

Reagan und Bush und Thatcher in GB haben es mit Beginn des Neoliberalismus wieder beseitigt und durch massive Senkung der Unternehmenssteuern und der Steuerprogression die finanzielle Basis für ein Sozialsystem - auch ein Instrument der Umverteilung - entzogen. Trotz "Obamacare" gibt es noch immer kein angemessenes Gesundheitssystem in Amerika und bis zu 50 Mio. können sich keine angemessene gesundheitliche Behandlung leisten.

In GB gibt es zwar die Grundversorgung, jedoch ewig lange Wartezeiten, sodass eine Schwangere erst in 12 Monaten einen Termin für ihre Entbindung erhält, solange können Frauen aber nicht zuwarten.

Alles für die politische Karriere:

Schlimm wird es, wenn die Lüge auffliegt. Dann ist das Geschrei groß, wie bei der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Petra Hinz, weil sie ihren Lebenslauf nicht nur ein bisschen geschönt hat, sondern darin quasi ihr komplettes Leben neu erfand - neuer Lebenslauf, falsches Abitur und erfundener Jura-Abschluss, alles für die politische Karriere. Das ging so lange gut, bis einmal jemand auf die Idee kam, ihre Geschichte zu hinterfragen, vielleicht ein Konkurrent – und innerhalb kürzester Zeit lag ihre Karriere in Schutt und Asche.

Wir lügen, weil es oft funktioniert.

Weil es oft einfacher ist, sich eine kleine Notlüge auszudenken, als mit der Wahrheit rauszurücken. Mit der Wahrheit machen wir uns meistens unbeliebt. Manchmal wollen wir andere nicht mit unserer Ehrlichkeit verletzen oder haben Angst, in Schwierigkeiten zu kommen, wenn wir sagen was Sache ist, mit der Wahrheit quasi ins Haus fallen. Seinem Chef die Wahrheit zu sagen würde idR. das Ende der beruflichen Karriere bedeuten.

Wir wollen besser dastehen, uns beliebter machen, mehr erreichen und gemocht werden, daher lügen wir.

Wären wir zu 100% ehrlich, würden wir ganz ohne Lügen nur von einem Konflikt in den anderen torkeln wie ein Elefant im Porzellanladen. Kleine Lügen wie „die Hausaufgaben liegen zuhause auf meinem Schreibtisch, ich schwör’s, ich hab sie nur vergessen!“ tun ja niemandem weh, sagen wir.

Soll man im Interesse des sozialen Friedens im Zweifel immer lügen. Ich sage Nein. In vielen Situationen und zu den meisten Menschen jedoch nicht immer sollte man ehrlich oder diplomatisch sein. Unsere Beziehungen bauen auf Vertrauen auf, und einem Lügner vertraut niemand gern ("Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht";). Verlorengegangenes Vertrauen zerstört die Freundschaft und Konfuzius kommt zu dem Befung: "Ein Freund, dem

Der Grad zwischen Notlüge und schwerem Vertrauensbruch ist oft schmal, man sollte sich dessen bewusst sein. Man sollte nicht immer des sozialen Friedens willen zum Scheinheiligen und notorischen Notlügner mutieren, weil man dabei von seinen Mitmenschen viel öfter, als man denkt, durchschaut wird.

Und man sollte wissen, wo eine Notlüge aufhört und ernsthafter Betrug anfängt. Kopierte oder in Auftrag gegebene Doktorarbeiten, geklaute Reden, hinterzogene Steuern und hinterhältige Affären haben schon oft die Karrieren und damit Leben von Menschen zerstört, wenn sie hochkommen.

"Ehrlich währt am längsten" , dieser Ansatz ist mir lieber als die bisweilige Kultur der Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft, besonders stark bei schwachen Politikern ausgeprägt.

Die f+f Community dagegen liebt die Wahrheit, obgleich manchmal die objektive Wahrheit mit subjektiver Meinung verwechselt wird.

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Silvia Jelincic

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G. Szekatsch

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