Der Brexit hat sich im Rückblick als historische Schnapsidee erwiesen – als ein politisches Himmelfahrtskommando, das auf populistischen Parolen, wirtschaftlicher Selbstbeschädigung und gezielter Desinformation basierte. Längst ist durch zahlreiche Untersuchungen und Enthüllungen belegt, dass der EU-Austritt Großbritanniens massiv durch verdeckte Operationen aus Russland im Internet manipuliert wurde. Mithilfe von Trollfabriken und automatisierten Bot-Netzwerken auf sozialen Medien wurde gezielt polarisiert, Ängste geschürt und das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben. Das Ziel Moskaus war simpel und verheerend erfolgreich: den europäischen Zusammenhalt durch die Abspaltung einer seiner wichtigsten Säulen nachhaltig zu schwächen.
Die Zeche für dieses auf Lügen und digitaler Beeinflussung errichtete Projekt zahlt seit Jahren die britische Bevölkerung. Wirtschaftliche Einbußen, spürbare Lieferengpässe, bürokratische Hürden und ein massiver Mangel an Arbeitskräften in fast allen Branchen zeichnen ein ernüchterndes Bild. Die britische Wirtschaft leidet unter der Isolation, und das einstige Versprechen von globalem Wohlstand außerhalb der Staatengemeinschaft ist wie eine Seifenblase geplatzt. Die Erkenntnis setzt sich parteiübergreifend und in der breiten Öffentlichkeit durch: Der Brexit war ein kolossaler Irrweg.
Doch die politische Realität im Vereinigten Königreich beginnt sich spürbar zu wandeln. Die Einsicht, dass man sich auf Dauer nicht von den europäischen Nachbarn abkapseln kann, führt zu einem langsamen Umdenken. Immer mehr Stimmen fordern eine pragmatische Annäherung an die Europäische Union, um den enormen Schaden zu begrenzen. Ein zentraler und logischer erster Schritt auf diesem langen Weg zurück nach Europa könnte die schrittweise Wiederannäherung an die Freizügigkeit sein.
Aktuelle Signale aus der britischen Politik – wie die Überlegungen des britischen Premierministers Andy Burnham, der sich überraschend offen für eine Rückkehr zur EU-Freizügigkeit zeigt – machen deutlich, dass Tabus fallen. Die starren roten Linien der Vergangenheit bröckeln angesichts der wirtschaftlichen Vernunft. Denn ohne den freien Personenverkehr und den Abbau von Barrieren für Arbeitskräfte und Geschäftsreisende lässt sich das Verhältnis zur EU nicht reparieren. Die Einsicht reift, dass Großbritannien seine Zukunft nur in enger Partnerschaft mit Europa sichern kann. Der Brexit mag als digitale Inszenierung und nationalistischer Rausch begonnen haben, doch das Erwachen aus diesem Albtraum führt das Land unweigerlich zurück an den Verhandlungstisch mit Brüssel.