Mehr Gendergerechtigkeit durch Gendern von Sprache?

Führt „gendergerechte Sprache“ zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt ist das Gendern der Sprache aus folgenden Gründen problematisch:

1. Gendern verkennt den Unterschied zwischen grammatischem „Geschlecht“ (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus). Genus und Sexus haben nur in wenigen Fällen direkt miteinander zu tun. Indem die Sprachfeministinnen das „generische Maskulinum“ zum Feind erklären, bauen sie eine falsche Front auf.

2. Gendern sieht den Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken zu einfach. Die Aktivistinnen unterstellen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken nach dem Muster: Die Sprache beeinflusst das Denken, also müssen wir die Sprache ändern, damit sich das Denken ändert. Deshalb kann überhaupt erst die Idee aufkommen, dass über feministische Sprachpolitik (Gendern) ein neues Denken (in Richtung Geschlechtergerechtigkeit) gefördert werden könnte. Damit verkennen sie die wahren Faktoren des Sprachwandels.

3. Gendern macht die deutsche Sprache hässlicher, komplizierter, für Deutsche schwerer lesbar und für Ausländer schwerer lernbar. Sprachästhetik und Sprachökonomie werden den sprachfeministischen Vorgaben geopfert.

4. Gendern ist grammatisch zum Teil widersinnig. Viele der Veränderungen sind nicht verallgemeinerbar und führen zu absurden Konstruktionen, weil sie sich nicht nur auf die lexikalische Ebene beschränken, sondern in das Sprachsystem (Morphologie, Grammatik) eingreifen.

5. Gendern geht in einigen Fällen gar nicht, weil die Begriffe nicht auf den Sexus bezogen werden können. Insgesamt wird Sprache künstlich „sexualisiert“, auch dort, wo der Sexus gar keine Rolle spielt.

6. Gendern in der Literatur? Fast alle Dichter und Schriftsteller lehnen das ab und halten das Gendern ihrer Texte für eine Zumutung. Auch die nachträgliche Veränderung älterer Texte nach Regeln der politischen Korrektheit wird mehrheitlich abgelehnt.

7. Gendern schafft für die deutsche Sprache einen Sonderstatus. Aus französischer, italienischer, türkischer Sicht wirkt das deutsche Gendern verschroben.

8. Wegen der mangelnden Praktikabilität müssen Ausnahmen geschaffen werden, zum Beispiel für den juristischen Bereich, was unterschiedliche Sprachwelten schafft und die Verwirrung vergrößert.

(Jeder dieser Punkte kann sprachwissenschaftlich begründet werden. Eine entsprechende Langfassung des Aufsatzes stelle ich gerne zur Verfügung.)

Darüber hinaus kostet Gendern Geld, weil Formulare, Aufschriften, Schriftstücke aller Art (z. B. in Behörden) neu hergestellt werden müssen. Das ist zwar kein sprachwissenschaftliches Argument, aber trotzdem wichtig, weil die Kosten für Gender-Anleitungen sowie neue Formulare, Aufschriften, Schriftstücke aller Art in Behörden und Institutionen von den Steuerzahlern aufgebracht werden müssen. Es sind bereits erhebliche Summen dafür ausgegeben worden, von den indirekten Kosten für Gleichstellungsbeauftragte und Gender-Professuren ganz zu schweigen.

Kritisches Fazit aus sprachwissenschaftlicher Sicht:

Das Gendern der Sprache ist bereits im theoretischen Ansatz problematisch, weil der Impuls von der Gender-Theorie ausgeht, nicht vom tatsächlichen Sprachgebrauch. Sprache verändert sich aber durch den Sprachgebrauch und nicht am sprachfeministischen Reißbrett. Sie verändert sich von unten nach oben, nicht umgekehrt, es sei denn, man betreibt bewusst Sprachpolitik in politischer/manipulativer Absicht.

In der praktischen Wirkung ist das Gendern der Sprache kontraproduktiv. Mehr Geschlechtergerechtigkeit wird nicht durch Sprachvorschriften erreicht, sondern durch politische und gesellschaftliche Veränderungen, wie sie in den letzten vierzig Jahren verstärkt stattgefunden haben. Dieser Prozess wird weitergehen, und die Sprache wird ihn angemessen abbilden. Das kann vielleicht etwas länger dauern, als bestimmte Aktivisten es sich wünschen. Eine feministische Sprachpolitik braucht es dazu nicht. Es ist – nebenbei bemerkt – schon irritierend, wenn ausgerechnet Menschen, die sich selbst für sensibel und achtsam halten, keine Skrupel haben, die Sprache zu misshandeln.

Oft wird argumentiert, es würden ja lediglich Vorschläge gemacht. Jeder könne es mit dem Gendern halten, wie er wolle. Das verkennt aber die Realität. Abgesehen davon, dass man nicht mehr von „Vorschlägen" sprechen kann, wenn ins Sprachsystem eingegriffen wird, ist das Gendern inzwischen durch feministische Sprachwissenschaftlerinnen sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Universitäten, Verwaltungen, Parteien und anderen Institutionen zum Standard erhoben worden. Obwohl die Verfechter des Genderns eine kleine Minderheit sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine bestimmte Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung.

Letztlich geht es um Deutungshoheit und um Macht. Der Mehrheit soll eine Sprachregelung verordnet werden, um das Bewusstsein in Richtung der Gender-Theorie zu verändern. Man kann das auch Manipulation und Bevormundung nennen. Geschlechtergerechtigkeit wird dadurch nicht befördert, eher im Gegenteil. Das Gendern der Sprache durch eine Minderheit aus dem akademischen Umfeld erweist der Sache der (Frauen)-Emanzipation einen Bärendienst, weil die Veränderungen im Kern sprachfremd sind und weil die große Mehrheit (laut Umfragen ca. 60-80%) der Sprecherinnen und Sprecher Eingriffe „von oben“ in das Sprachsystem ablehnt. Die Ausgangsfrage, ob das Gendern zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt, kann also mit einem klaren Nein beantwortet werden.

Die Ablehnung ist oft intuitiv, weil die meisten Menschen wenig Einblick in das Sprachsystem haben, aber merken, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Die Zustimmung auf der anderen Seite ist oft blind, weil sie aus einer Mischung aus Unkenntnis über die Funktionsweise der Sprache, schlechtem Gewissen und falscher Solidarität mit feministischen Aktivistinnen erfolgt.

Es ist zu hoffen, dass das Gendern Episode bleibt, weil es von der Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher nicht angewendet wird. Die deutsche Sprache wird es abschütteln, wie sie schon so manche Eingriffe von verschiedenster Seite abgeschüttelt hat.

Zusammengefasst:

- Die aktuell geltenden Formen der deutschen Sprache reichen aus, um hinreichend zu differenzieren und auch die Frauen „sichtbar zu machen“. Respekt und Wertschätzung hängen nicht von der Sprache als System ab, sondern von den Einstellungen der Sprecher. Gendern legt ein unangemessen großes Gewicht auf den Sexus, und zwar auch dort, wo er keine Rolle spielt.

- Die Sprache entwickelt sich weiter über den Sprachgebrauch, nicht durch Sprachregelungen von oben. Sie wird sich über den Sprachgebrauch in Richtung auf mehr Geschlechtergerechtigkeit wandeln, wenn in der gesellschaftlichen Realität mehr Gerechtigkeit erreicht ist.

- „Feministische Sprachwissenschaft“ ist vergleichbar mit „katholischer Mathematik“. Sie ist in Gefahr, Denkverbote zu errichten und das herauszufinden, was sie vorher an Prämissen hineingesteckt hat. Insofern handelt es sich nicht um ergebnisoffene Wissenschaft, sondern um politischen Aktivismus und letztlich um Ideologie. Undurchdachte und ideologisch motiverte Eingriffe von dieser Seite in das gewachsene Sprachsystem sind nicht nur überflüssig, sondern verursachen grammatisches Durcheinander. Sie schaffen viele neue Zweifelsfälle und sprachliche Unklarheiten, manchmal sogar sprachlichen Unsinn.

Chickenonline/pixabay https://pixabay.com/de/illustrations/flagge-lgbt-gay-lgbtq-lesbisch-1184117/

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