Talk im Hangar-7 – Politik verschläft Klimaschutz: Wachstum um jeden Preis?

So, jetzt schreib ich doch etwas zur durchaus sehenswerten Hangar-7-Diskussion, weil diese exemplarisch für den gesamten gesellschaftlichen Diskurs stehen kann. (Hier nochmal der Link: https://www.servustv.com/videos/aa-21nw3uzwd1w12)

Zusammenfassung: Die Fraktion der Klimabewegten argumentiert immer wieder, dass wir das Gesellschaftssystem ›umbauen‹ müssten – und zwar rasch! – und insbesondere, dass der Kapitalismus an der Misere schuld sei. Die (selbstgefühlten) Realos halten dagegen, dass einzig der Kapitalismus in der Lage wäre, das Problem zu lösen.

Spoiler: Beide Lager vermengen unterm Strich im Eifer des Gefechts munter Richtiges mit Halbrichtigem und Falschem und greifen letztendlich zu kurz.

Und jetzt wird es etwas länger, ich entschuldige mich vorab.

Analysieren wir zuerst, wo die Argumentationslinien richtig liegen und wo nicht.

Insbesondere die junge Dame argumentiert mit Herzblut *für* eine Demokratie, die Lösungen hervorbringen müsse. Die von Fleischhacker immer wieder gestellte Frage, was, wenn sich keine Mehrheiten finden, ist ihr anscheinend so unvorstellbar, dass sie ihr völlig sinn- und inhaltsleeres Ausweichen bzw. die dann doch von ihr angedeutete Entsorgung der von ihr selbst hochgelobten Demokratie nicht einmal selbst erkennt. Bei aller Sympathie: Jus-Studenten sind eben keine erfahrenen Krisenmanager mit Überblick und Sachkenntnis. Leuchtmittel und Staubsaubsauger leistungszubegrenzen, um den Stromverbrauch runterzukriegen, aber gleichzeitig die Gesellschaft ins e-Auto setzen zu wollen, *ist* ein Widerspruch in sich, auch wenn das nur als scheinbar hingestellt wird.

Durchaus richtig liegt sie mit dem Appell, eigenes Zögern nicht mit der Inaktivität anderer begründen zu können. Allein, sie zieht die falschen Schlüsse daraus: es geht nicht darum (und ist dem Planeten völlig wurscht!), aktiv zu werden um des aktiv Werdens Willen – es muss schon das Richtige getan werden!

Gänzlich falsch ist die Forderung nach einem Umbau der Gesellschaft: so etwas würde – selbst, wenn man Erfolgsaussichten unterstellte – Jahrzehnte dauern. Zeit, die wir nicht haben; somit stellt sich die Frage auch nicht. Mein Vergleich ist der: stellt ein Kapitän fest, dass er mit seinem Containerfrachter 100sm von der Kurslinie abgekommen ist, *kann* er nicht dorthin ›hupfen‹, wo er sein müsste. Er kann nur eine Kurskorrektur anordnen, damit das Ziel von der jetzigen Position aus noch erreicht wird. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns: den ›entwickelten‹ Gesellschaften einen Totalumbau bis 31.12. verordnen zu wollen ist nichts anderes als der Versuch, den Frachter 100sm zu versetzen. Aus den richtigen Beweggründen, mag schon sein, aber nichtsdestotrotz völlig sinnlos, weil es aus prinzipiellen Gründen nicht einmal ansatzweise gelingen kann.

Die Vertreter der Wirtschaft und des Liberalismus halten dagegen, dass die Erfahrung lehrt, dass nur der Kapitalismus in der Lage sei, derartige Probleme überhaupt zu stemmen. Insoweit liegen sie richtig: alles Oktroyierte führte in der Vergangenheit auf die eine oder andere Weise letztendlich ins Desaster. Und zwar egal, wie ›edel‹ die Anfagsidee auch war. Völlig richtig ist, dass so oder so in die Bewältigung des Klimwandels gewaltige Summen fließen werden müssen, die jemand erwirtschaften muss, was ausschließlich und nur dem Kapitalismus überhaupt zugetraut werden kann. So weit, so stimmig.

Wo sie nicht richtig liegen, ist, den Gegenvorschlag der CO₂-Besteuerung als ›Planwirtschaft‹ zu bezeichnen. Eine CO₂-Steuer hat mit ›Planwirtschaft‹, wo Produktionsmengen bis auf Betriebsebene hinunter von oben dekretiert werden, nicht einmal in Ansätzen zu tun und die Vorhaltung soll lediglich das Image des Vorschlags schon im Vorfeld beschädigen. Leider eine zutiefst unseriöse Argumentattrappe.

Ebenfalls falsch (das ist jetzt weniger auf den Hangar-7-Talk als auf die allgemeine Diskussion bezogen) liegt die gesamte Fraktion damit, ständig den wissenschaftlichen Erkenntnisstand in Zweifel zu ziehen. Es ist, im Gegenteil, sogar bestürzend dämlich, weltweite Jahrzehnte-Verschwörungen 100000er zu unterstellen, Ergebnisse zu leugnen und/oder völlig Irrelevantes ins Treffen zu führen. (Um ein Beispiel zu nennen: ›Klimawandel gab's immer.‹ Ja und? Was würde das am aktuellen Problem ändern? Aber ich kann Sie beunruhigen: die aktuelle Erwärmung *ist*, nach *allem*, was wir sagen können, von uns verursacht.)

Persönlich stimmt es mich zutiefst traurig, dass inbesondere Liberale – die sich selbst, sprechen wir's doch aus, für intellektuell und an Informationsbereitschaft und -fähigkeit überlegen halten – auch den dümmsten Schmonzes unhinterfragt weiterverbreiten, ohne irgendetwas dabei zu merken. Es ist geradezu verblüffend, in welchen Schwachsinn sie sich versteigen, wenn man beginnt, ihre Antithesen wissenschaftlich zu zerlegen. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Und das bringt mich zum Hauptkritikpunkt: Dass von den Pfeilen im Köcher nur der Kapitalismus das Problem erfolgreich angehen kann, stimmt.

Was aber nicht stimmt, ist, dass sich das im Kapitalismus bzw. seiner Wirtschaftsform ›Markt‹ sozusagen ›von selbst‹ regeln würde – es kann gar nicht stimmen.

Und zwar, weil es das Wesen des Marktes in seinem Kern verkennt: Markt ist geeignet, ein Wirtschaften unter dem Diktat der ›knappen Ressource‹ zu gewährleisten, weil sich ein Preis bildet, der sicherstellt, dass die zu einem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Ressourcen jeweils den ›höchstwertigen‹ Verwendungen zugeführt werden. Ist eine Ressource aber nicht ›knapp‹ – oder scheint es nicht zu sein – kann das Regelinstrument Markt nur versagen, weil die unbegrenzte Ressource keinen Preis hat; sie ist ›gratis‹. Ohne hier allzusehr ins Detail gehen zu wollen: dieses Versagen wird in der ›Tragödie der Allmende‹ sichtbar. Was sich einstellt – einstellen muss! – sind so genannte ›Nash-Gleichgewichte‹, die selbststabilisierend aber suboptimal sind. (Auf Nachfrage gerne mehr.)

Was wäre das Richtige?

Weder kann noch will ich versuchen, die Frage endrichtig zu beantworten. Aber ein paar Punkte seien skizzenhaft genannt – frei angelehnt an das ›Pareto-Prinzip‹, nach dem man mit 20% des Aufwandes 80% des Effekts erzielt.

Es kann nicht darum gehen, die Gesellschaft zu verändern. Gesellschaften verändern sich zwar, aber jeder Eingriff von oben oder außen kann nur zu sozialen Unruhen führen – die sofort alles lähmen und so wieder das Ergebnis gefährden würden. (Siehe die ›gilets jaunes‹ in F.) Es muss darum gehen, der Gesellschaft ihre materiellen Grundlagen auf nachhaltige (– ich weiß, für Manche ein Reizwort –) Weise bereitzustellen. Bildlich gesprochen müssen wir die Bobbahn umbauen, nicht den Bob.

Der Hebel wäre also, die Atmosphäre von einer unbegrenzten in eine knappe Ressource zu verwandeln. Übersetzt auf das Kapitalismus-Instrument Markt: sie muss einen Preis bekommen!

Das wurde mit den CO₂-Zertifikaten (handwerklich leider kurz gegriffen) versucht; in diesem Punkt liegen die Klimabewegten also grundsätzlich richtig. Jetzt wird eine Erhöhung der Preise angestrebt (was natürlich wieder ein Eingriff ist und somit aus liberaler Sicht eine Niederlage. Allein, a) mir fällt auch nichts Besseres ein und b) müssen wirtschaftlich Berufenere beurteilen, ob das in der angedachten Weise klappen kann. Ich bin da überfragt; ich kann nur sagen: grundsätzlich halte ich den Gedanken für richtig.)

Raus aus Kohlenstoff – und zwar mit oberster Priorität.

Insbesondere heißt das, ZUERST müssen die Kohlekraftwerke vom Netz, DANN Gaskraftwerke. Wenn das heißt, dass wir Kernkraftwerke laufen lassen müssen, um die Grundlast bereit zu stellen, dann ist das zur Kenntnis zu nehmen. Das verschafft uns die Zeit, die wir benötigen, um den Ausbau der Erneuerbaren, der Netze, der Speicher und der dezentralen Versorgung vorzunehmen. (Natürlich spricht nichts dagegen, den Ausbau sofort anzugehen. Aber die Hoffnung, in wenigen Jahren 75 oder so Prozent der (weiter wachsen müssenden!) Energieversorgung so bereitstellen zu können, ist völlig unbetamt und von Sachkenntnis ungetrübt.)

Ein Spezialfall ist der Sektor Verkehr (bei uns immerhin 25% der Emissionen): *Viel* (!!!) sinnvoller als e-Autos (die dreckiger sind, als die Befürworter das wahrhaben wollen) wäre es, wenigstens einmal CO₂-neutrale Kraftstoffe zu entwickeln (was das atmosphärische CO₂ zwar nicht senkt, aber wenigstens nicht noch weiter befeuert) und so den *gesamten* Verkehr zu neutralisieren. Das sollte für Schiff / Straße / Flugverkehr gleichermaßen in relativ kurzer Zeit machbar sein (was immer noch eher ›Jahrzehnte‹ als ›Jahre‹ heißt, denn so etwas will erst einmal im großen Maßstab ausgerollt werden). Das würde, nebenbei erwähnt, auch die Transport-Bombe entschärfen, mit der die Globalisierung verbunden ist.

Entwicklung alternativer Techniken mit Hochdruck vorantreiben, aber dabei nicht auf den Überblick vergessen! Das batteriegestützte e-Auto wird vielleicht seinen Platz haben (bei der aktuellen Akku-Technik habe ich Zweifel daran, dass es das sollte. Aber auch hier wird die Technik nicht stehenbleiben.) Aber auf es als einzige Karte zu setzen scheint mit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kontraproduktiv. Zu begrenzt ist (wenigstens derzeit) der sinnvolle Einsatzbereich. Auch Wasserstoff wird seinen Platz haben – wobei ich nicht der Meinung bin, dass ausschließlich elektrolytische Herstellung infrage kommt. Vielmehr gilt es, CO₂-Abscheidetechniken zu entwickeln, sodass wir auch katalytisch aus fossilen Trägern Wasserstoff gewinnen können (Dann würde das H₂ auch schlagartig von der Speicherform zur Energiequelle. Das dabei wie bei anderen Prozessen entstehende CO₂ können wir abscheiden und im Boden einlagern.

Andere Energiequellen erschließen, wie Fusion oder alternative Kernkraftkonzepte (langfristig). Selbstverständlich auch völlig dezentrale Energieerzeugung, wie bspw. dass alle neu errichteten Gebäude sich so weit es geht selbst mit Energie versorgen.

Obwohl das Meiste davon natürlich nur langfristig wirkt, würde es uns in die Lage versetzen, den Schwellenländern dann fertige Technologien in die Hand zu geben, wenn diese sie brauchen. Wer, außer uns, die ›1. Welt‹, hätte denn die Kapazitäten dazu? Denn ein weiterer übersehener Punkt ist ja, dass aufstrebende Gesellschaften auch einen geradezu unersättlichen Energiehunger entwickeln. Auch das ist eine tickende Bombe, die es zu entschärfen gilt.

Die Liste möglicher und sinnvoller Ansatzpunkte ließe sich endlos fortsetzen. Leider zeigt bereits diese kurze auf, wie verengt der Blick der Spitzenpolitik zu sein scheint, die sich darin gefällt, operative Hektik vorzutäuschen und sich auf punktuelle Maßnahmen konzentriert. Im guten Fall bringen sie wenig (e-Auto), im schlechten sind sie dem Ziel abträglich (Energiewende – jedenfalls so, wie von Deutschland auf Schiene gesetzt).

Fazit: Ich bin unerschütterlicher Optimist. Ich behaupte, wir stecken mitten im Lösungsprozess drin – es sieht nur nicht für alle danach aus. Für völlig verkehrt halte ich das Panikschüren von beiden Seiten: Die Einen, die in den Raum stellen, dass wir in 10 Jahren gegrillt würden ebenso wie die anderen, die den Rückfall ins Mittelalter an die Wand malen.

Was wir brauchen, ist eine Aufbruchsstimmung, nicht Resignation.

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