11. Gebot: Du sollst dich richtig ernähren! – Das Phänomen „Orthorexie“

Ernährungstrends wohin das Auge blickt. Sie kommen hip daher, individuell, mit dem Versprechen gesundheits- und leistungsfördernd zu sein, manche gar mit dem Anspruch, die Welt zu retten, den Klimawandel zu stoppen, was weiß ich alles noch. Vorgelebt und inszeniert von Starköchen, Schauspielern und anderen Celebrities ergießt sich eine verführerische Bilderflut in den diversen virtuellen Welten von Instagram bis Snapchat. Die weniger schöne Realität dahinter bedeutet für immer mehr Menschen – vor allem für Mädchen und junge Frauen – eine Radikalisierung der Ernährung mit häufig gesundheitsgefährdenden Folgen.

Als hätte neuerdings Gott seinen zehn Geboten noch ein elftes nachgeschossen, nämlich: „Du sollst dich richtig ernähren!“ – Ja man kann sich immer häufiger des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses elfte Gebot die irgendwie abgelutschten alten zehn ersetzen soll, als verdichte sich der ganze religiös-moralische Eifer in der Frage nach der richtigen Ernährung. „Orthorexie“ so nennt die Medizin dieses in den globalen Speckgürteln grassierende Phänomen. Die neueste „Essstörung“ hat damit einen wissenschaftlichen Namen, erklärt ist sie deshalb noch lange nicht.

Was meint „Orthorexie“? Der Begriff ist schnell erklärt. Die Vorsilbe „ortho“ heißt auf Deutsch so viel wie richtig, recht, aufrecht (vgl. Orthodoxie – der rechte Glaube). Das ebenfalls griechische Wort „Orexis“ lässt sich mit Appetit, Begierde übersetzen. Der Begriff Begierde, der hier über den neutralen Begriff Ernährung hinaus deutet, scheint mir recht bezeichnend. Es geht eben um mehr bei der Orthorexie als um die emotionslose Frage der Ernährung. Es ist ein darüber hinausgehendes Begehren im Spiel: Das Begehren, alles richtig zu machen in Sachen Ernährung – so könnte man sagen. Nun, was soll daran verkehrt sein, wirst du mir vielleicht einwenden. Ist doch besser, alles richtig machen zu wollen, als wahllos Essen in sich reinzustopfen. Ja und nein.

Zwischen wahllos Essen in sich reinstopfen und der wahrlich ausufernden, wirklich beängstigende Formen annehmenden Dauerbeschäftigung mit der Frage was ich essen darf, liegt ein weites Feld. In diesem weiten Feld spielt sich normales Essverhalten ab. Dieses normale Essverhalten ist immer schon von Kultur, Tradition, Innovation, von Moden und Trends überformt und präsentiert sich daher in unübersehbarer Buntheit. Indisches Essen, spanisches, russisches etc. etc. unterscheiden sich fundamental voneinander. Dem Bewohner des globalen Dorfs sind alle diese Zugänge zu verschiedenen Esskulturen heute wie selbstverständlich möglich. Wer will, kann sich heute im Laufe eines Monats rund um den Globus fressen sozusagen. Die allerwenigsten werden das tun, es ist auch sehr fraglich, ob das abgesehen von den potentiellen Sinnesfreuden Sinn macht.

Der neugierige Blick über den eigenen Tellerrand hinaus ist keine Optionen mehr für Orthorektiker

Die allermeisten Menschen, denke ich, ernähren sich zumindest noch irgendwie erkennbar aus einer gewissen regionalen Tradition heraus mit gelegentlichen kulinarischen Ausflügen in die weite Welt. Regionale Esskultur nun und der neugierige Blick über den eigenen Tellerrand hinaus sind beides keine Optionen mehr für Menschen, die auf den orthorektischen Weg geführt, oft verführt werden. Für einen veganen Orthorektiker beispielsweise ist der Umstand, dass die Nutzung tierischer Lebensmittel rund um die Welt auf eine Tradition verweisen kann, die so alt wie der Mensch selbst ist, kein Argument. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Vegan bedeutet noch lange nicht automatisch orthorektisch. Das ist bestimmt nicht der Fall. Die Mehrzahl vegan lebender Menschen unterliegt keiner Essstörung. Auch wenn die Anlage für Orthorexie oder gar Anorexie (Magersucht) unter Veganern deutlich höher ist als bei anderen Ernährungsformen, wie einschlägige Untersuchungen zeigen.

Orthorexie, also die krankhafte Fixierung auf eine vermeintlich gesunde Ernährung, kümmert sich nicht länger um irgendwelche Esskulturen und sei es die eigene. Nicht aus dem Pool der Tradition, nicht aus der Vielfalt wird geschöpft, um daraus eine je individuelle Ernährung zu gestalten, nein: die Begierde, oft genug von außen geweckt, sich der einzig richtigen Ernährung zu verschreiben, erfasst den Orthorektiker und bestimmt seinen ganzen Zugang zum Thema Essen. Essen wird so in seiner möglichen Vielfalt, nicht nur in der Frage, was ich essen darf, von allen Seiten beschnitten. Wer kaum noch etwas essen darf, findet sich auch schnell von der „Tischgemeinschaft“ mit vielen anderen Essern ausgeschlossen. Das soziale Phänomen Essen erleidet enorme Einschränkungen. Essen mit all seinen kulturellen und sozialen Aspekten reduziert sich auf Ernährung: die „einzig richtige Ernährung“. Dem Orthorektiker wird es zusehends schwerer, sich selbst richtig zu ernähren, während gleichzeitig in seinem Umfeld alle „das Falsche“ essen. So manchem Veganer ekelt es schlicht, wenn in seiner Gesellschaft Tierisches verspeist wird. Andere wiederum nützen diese Gelegenheit, um die noch sündigen Esser zu missionieren. Beide Reaktionsweisen sind über kurz oder lang einer gedeihlichen Tischgemeinschaft abträglich.

Zur Dauerbeschäftigung mit der Frage nach der richtigen Ernährung kommt also häufig selbstauferlegter sozialer Rückzug. Der Orthorektiker freilich wird dies lange Zeit nicht als Einschränkung erfahren, sondern als Auszeichnung. Er findet Ersatz in der virtuellen Zugehörigkeit zu den „Auserwählten“ via Snapchat, Pinterest und Instagram, in seiner Whatsapp- oder Facebookgruppe. Sofern er sich an den virtuellen Tisch mit anderen Usern setzt, welche noch nicht zur wahren Ernährung gefunden haben, erweist er sich häufig als ausgesprochen missionarisch, als unnachgiebig, als streng, als schulmeisterlich, als unzugänglich für Argumente: der Orthorektiker ist im Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit oft wenig zimperlich in der Wortwahl und recht eigentlich nicht am anderen interessiert, sofern dieser nicht bereit ist überzulaufen. Ich rede aus reichlicher Erfahrung. So weit so unangenehm, aber immerhin ungefährlich.

Leider findet sich der Orthorektiker aber auch immer häufiger auf dem Weg zur Anorexie oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht), zur manifesten klinischen Essstörung. Nicht selten landet er deshalb auch in den spezialisierten Arztpraxen, nämlich für Psychiatrie und psychosomatische Medizin. Und er landet auf dem Weg zur Eigen- und Fremdgefährdung, wenn es etwa angehende Mütter betrifft. Hier berichtet ein Arzt von einer beratungsresistenten schwangeren Frau, welche sich vegan UND komplett „natürlich“ ernähren und deshalb auf Vitaminpräparate (B12) verzichten will und damit sich selbst und das werdende Leben ernsthaft gefährdet und den ärztlichen Rat mit der Bemerkung vom Tisch wischt: "Dann sind die Kinder eben klein, mir geht es ums Prinzip."

„Mir geht es ums Prinzip...“

In dieser Aussage verdichte sich der Gesundheitswahn, der wie ein von Gott geoffenbartes Glaubensgut daher kommt. Dabei ist es kein Gott, der dir vorschreibt, was du essen musst, bzw. viel häufiger, was du alles auf keinen Fall essen darfst(!), um „erlöst“ zu werden und/oder die Welt zu retten, um fit, schlank, erfolgreich, attraktiv, gesund oder einfach nur „in“, „dabei“ zu sein. Es sind die selbsternannten Livestyle-Gurus unserer Zeit, es ist eine unheimlich grassierende Angst, sich falsch zu ernähren, dick zu werden bzw. nicht ganz so „schön schlank“, wie die vor allem weiblichen Rolemodels. Diese Angst geht um, sie wird geschürt, oftmals auch in durchaus seriösen Medien. An welcher namhaften Zeitung, welchem öffentlich rechtlichen Sender wäre die „Volkskrankheit“ Adipositas („Fettsucht“) in den letzten Jahren spurlos vorbei gegangen? Wo war davon nicht allenthalben zu lesen oder zu hören? Ich selbst war mir deshalb lange Zeit sicher, dass wir im reichen Westen immer dicker werden. Zahllose Eltern fürchten nach wie vor dieses „Schicksal“ für ihre Kinder und bauen so manchmal ungewollt mit am Weg in die Orthorexie für ihre Kids.

"...so 'schön schlank', wie die vor allem weiblichen Rolemodels"

Dabei legen neueste Studien eher den Schluss nahe, dass diese Angst weit übertrieben ist, dass die „Wir-sind-alle-zu-dick-Hysterie“, bei weitem zu dick aufträgt. Denn, wie etwa in diesem Wissenschaftsblog zu lesen ist: "...die neuesten bundesdeutschen Gewichtsstatistiken offenbaren ein ganz anderes Bild: Diesen zu Folge gelten knapp drei Viertel der Kinder als normalgewichtig und nur drei bis acht Prozent, je nach Altersklasse und sozialer Schicht, sind fettleibig.“ Und was diese Statistik noch besagt, ist, dass die Zahl adipöser Kinder über das letzte Jahrzehnt annähernd konstant bleibt – bei regional starken Schwankungen – , während ein anderes, viel zu wenig im Rampenlicht stehendes Problem offenbar rasant zunimmt: „Mit einer Quote von etwa zehn Prozent untergewichtigen Kindern gibt es sogar mehr dürre als dicke Kids hierzulande“. Das überrascht doch einigermaßen, nicht wahr?

Beide Phänomene, Adipositas sowohl als auch Orthorexie bilden sich vermutlich vor demselben psychologischen Hintergrund aus: Einer gestörten Selbstwahrnehmung, einem gestörten Körperbild. Und beide haben, da bin ich mir sicher, mit (fehlender) Esskultur zu tun. Beide pfeifen auf Esskultur. Die einen, die dicken, indem sie sich alles und von allem zu viel rein ziehen und die anderen, indem sie sich kaum noch etwas einverleiben, weil fast alles „tabu“ ist.

dick ist nicht chic - die Angst davor grassiert

Jetzt will ich die „dicken“ Kinder nicht gegen die „dürren“ ausspielen, das eine Problem, die eine Essstörung nicht durch die andere relativieren. Ganz offensichtlich aber wiegen nicht nur auf der Waage sondern auch für die öffentliche Wahrnehmung die Dicken weit schwerer und die Dürren werden dabei leicht übersehen – wie im echten Leben. Vielleicht gar so, wie diese, die Dürren, es als ihr (unbewusstes) Ideal verfolgen, gleichsam übersehen zu werden, langsam zu verschwinden, sich aufzulösen? Wer es nämlich konsequent ernst meint, mit der einzig richtigen Ernährung, wer sich dort unaufhaltsam radikalisiert, wird über kurz oder lang feststellen, dass allem, was man essen kann, irgendein Makel anhaftet. So werden beispielsweise auch für vegane Lebensmittel Unmengen an Tiere getötet. Kein Pflug, der den Acker für die Aussat von Getreide oder Soja umbricht, kein Mähdrescher, an dem nicht Blut kleben würde. Abermillionen Feldhamster, Lerchen, Regenwürmer und co, zu schweigen von den Myriaden an Kleinstgetier, können ein Lied davon singen. Pflanzenschutzmittel, auch biologische, vernichten tierische Schädlinge im großen Stil. Und wie steht es um die Arbeitsbedingungen in den Ländern, wo mein Reis, meine Hirse, mein Chinoa wächst? welche Prozesse „verunreinigen“ meine Lebensmittel im Zuge der Verarbeitung in der Lebensmittelindustrie usw. usw. Das vollkommen rein und unschuldig hergestellte Lebensmittel – wo gibt es das?

Wer sich zusehends aus jedem Bissen ein (schlechtes) Gewissen macht, weil er trotz lautstarker gegenteiliger Versicherung vonseiten der Propagandisten der „einzig richtigen Ernährungsweise“ erkennt oder bloß fühlt, dass diese, konsequent zu Ende gedacht, am eigenen Anspruch scheitern MUSS; wer früher oder später dem Gefühl erliegt, dass Essen immer schon und unausweichlich unmoralisch ist, irgendwie unrein, schmutzig; wer sich an diesem Punkt findet, hat die Abzweigung zur manifesten Essstörung genommen, hat sich mit dem Heilsversprechen, welches er an seine Ernährung geknüpft hat, sein eigenes Unheil einverleibt.

Worauf will ich hinaus? Dass alles egal ist? Dass man sich nun mal in das Unausweichliche schicken muss und es sich nicht lohnt, Gedanken über sein Essen, über Ernährung und die Herkunft seiner Lebensmittel zu machen? Nichts liegt mir ferner! Aber ich warne ausdrücklich vor den falschen Propheten, den Heilsverkündern, den Geschäftsmachern der „einzig richtigen Ernährung“. Ich warne vor den unhaltbaren Versprechungen mit denen absurde Ernährungstrends auf den Plan treten und vor allem junge Menschen in ihren Bann schlagen. Diese verkürzen das kulturelle Phänomen „Essen“ auf den Aspekt „Ernährung“, machen unfrei, wo sie das Gegenteil propagieren, sind in ihren radikalen Ansprüchen allesamt zum Scheitern verurteilt und gefährden die psychische und physische Gesundheit ihrer Anhänger.

Wie sich schützen?

Ärzte, Psychologen und Psychiater, die es mit klinisch Essgestörten zu tun bekommen sind oft am Verzweifeln. Die ärztliche Kunst stößt hier schnell an schier unüberwindbare Grenzen: Das bis auf Haut und Knochen abgemagerte junge Mädchen fühlt sich nämlich keineswegs krank, es fühlt sich noch nicht einmal dünn, jedenfalls noch lange nicht dünn genug. Wen sein je spezifischer Ernährungswahn erst einmal in die psychosomatische Klinik gebracht hat, der hat einen oft qualvollen Leidensweg hinter und einen nicht minder qualvollen vor sich – auch die Prognose, also die Aussicht auf anhaltenden Behandlungserfolg ist erschreckend schlecht. Anorektiker haben ein 10 -fach höheres Risiko frühzeitig zu sterben als der Bevölkerungsdurchschnitt. Das klingt nicht erfreulich und soll es auch nicht.

Einmal im Strudel der Frage nach der einzig richtigen Ernährung gefangen, ist es schwer wieder raus zu finden

Jetzt führt natürlich die Orthorexie, um die es mir im Blog primär geht, bei weitem nicht immer und schnurgerade in die Magersucht! Aber sie ist ein erstes und nicht zu unterschätzendes Warnsignal. Ein Warnsignal für Eltern, Freunde, Mitschüler, Lehrer etc. Wessen Kind, Freund, Mitschüler, Schüler erkennen lässt, dass seine Ernährung radikale Züge anzunehmen beginnt, wessen Fokus sich zusehends auf Ernährungsfragen verengt, wer zu missionieren beginnt, zu schwärmen beginnt von der „einzig wahren Ernährungslehre“ ist bereits gefährdet. Ich habe, so wenig wie die Fachliteratur übrigens, ein Patentrezept parat für diesen Fall. Wie bei allen sich anbahnenden Krankheiten ist die frühzeitige Erkennung der erste und wichtigste Schritt zur Heilung. Das Gespräch suchen, sich mit dem Thema „Esskultur“ im weitesten Sinn auseinanderzusetzen, gerade für Eltern auch die eigene (fehlende?) Esskultur zu hinterfragen, scheint mir ein erster vernünftiger Schritt.

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