Wir feiern die Falschen – wenn psychische Krankheit zum hippen Lifestyle wird

Das ist es also, das Leben 2.0 – in einer Welt, die sich scheinheilig gegen das Diktat der Magerkeit ausspricht, gleichzeitig jedes abgenommene Gramm zelebriert und fast stündlich neue Diät- und Fitnessprogramme propagiert. Hier soll ich – frisch entlassen aus der Klinik, eine zweistellige Kiloanzahl mehr auf Rippen, Oberschenkeln und Hüften - nun meine Genesung feiern? Soll stolz sein, regelmäßig zu essen, in Mengen, über die jede Frauenzeitschrift den Kopf schütteln und mir vermutlich Dinner-Cancelling vorschlagen würde, weil Kohlenhydrate abends der sofortige Tod jeder Bikinifigur sind? Ich bin skeptisch.

Habe anfangs noch mit Freude verfolgt, wenn es hieß, es gäbe nun Werbekampagnen mit „normalen, kurvigen“ Frauen – die allerdings dennoch makellos und schlank von den Plakatwänden lächeln. Hoffnungsvoll Artikel gelesen über Gegenbewegungen des Magerwahns- nur um festzustellen, dass sich das nett anhört, sich aber dennoch weder in den Medien noch in den Köpfen der Menschen widerspiegelt.

Habe die letzten Monate zwar nicht mehr im goldenen Käfig der Magersucht, jedoch im goldenen Käfig der Klinik verbracht. Acht Mädels, besser gesagt Frauen, die „dank“ Essstörung nahezu allesamt wie Mädels aussahen, sich selbst der größte Feind. Jeder Einzelkämpfer für sich und oftmals gegen die anderen, dennoch eine verstehende, wissende Einheit -unsere kleine Essstörungswelt. Meine Seifenblase, mal bunt schillernd, mal trüb dahintreibend. Knapp vorm Platzen immer wieder vorm Boden aufgefangen.

Hätte nie gedacht, dass ich einem Mädchen zusehe, das bei der Essensausgabe am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht, weil es weiß, dass die Portion vor ihm auf dem Teller aufgegessen werden muss. Dass ich das Mädchen beobachten werde, am Esstisch sitzend, die Gabel zitternd zum Mund führend, immer wieder innehaltend; irgendwann wird es schlucken, glauben, daran zu ersticken, erschöpft wie nach einer harten Sporteinheit den zurückgehaltenen Tränen keinen Widerstand mehr leisten können und ihnen freien Lauf lassen, inmitten der anderen. Noch weniger hätte ich gedacht, dass ich dieses Mädchen sein werde. Jede Mahlzeit ein Kriegsschauplatz, Einzelkämpfer gegen den Feind im Kopf. Doch davon wollen die da draußen nichts wissen. Sie wollen den elfenhaften, zerbrechlichen Look, nicht aber einen Blick hinter die Kulissen werfen- denn hinter dem scheinbar hippen Lifestyle, der in Hotpants und Skinny Jeans auf storchenartigen Beinchen durch die Welt getragen wird steckt wenig Glamouröses. Davor jedoch werden gekonnt die Augen verschlossen, also halten wir weiterhin daran fest, dass gute Gene der Grund unserer ewig kindlichen Körper sind. Was hinter den Türen der Klinik passiert, darüber spricht man nicht. What happens in hospital, stays in hospital.

Nach den Monaten in diesem Mikrokosmos der Störungen habe ich endlich Waffenstillstand erreicht im Kampf gegen mich selbst und die weiße Flagge gehisst. Nun muss ich dies erproben in einem Alltag, der ein Schönheitsideal propagiert, das sich zwar als gesund rühmt, aber dennoch weiterhin fernab jeder weiblichen Rundung ist. In dem man in den Geschäften Größenangaben wie XXXS findet, Größe 32 keine Ausnahme mehr sondern Standard ist und in den Apothekenschaufenstern unter der Überschrift „Gesunde Reiseapotheke“ Abführmittel im Sonderangebot bewundern kann?

Konfrontiert mit der Realität, deren Mittelpunkt der fitte, dünne und cellulitefreie Mensch ist, da einem dies ein glückliches, zufriedenes Leben beschert- schenkt man den Medien Glauben. Und das, nachdem man in einem Universum gelebt hat, das sich nur darum gedreht hat, pünktlich zur nächsten Mahlzeit zu erscheinen, um sie dann möglichst lange hinauszuzögern. Hier die manchmal noch auf wackeligen Beinen stehende Genesung bewahren - klingt nach einem Ding der Unmöglichkeit.

Kurz vor Einchecken in meine medienfreie Paralellwelt habe ich haufenweise Komplimente erhalten für meine grazile, schlanke Figur. Wurde beneidet, für meinen meist flachen, häufig richtig zwischen den Beckenknochen eingefallenen Bauch. Was ich dafür tue? Hungern, exzessiver Sport und Essstörung haben diesen ausgezehrten Körper geformt. Dazu dreimal pro Woche eine Familienpackung Abführmittel - der flache Bauch für den perfekten Strandauftritt ist einem fast gewiss, danke fürs Kompliment.  

Diese Scheinheiligkeit und die Bewunderung für das Kranke macht es einem auch nicht gerade einfach, stolz darauf zu sein, Freude am Essen zu haben oder im Fitnessstudio zu pausieren - mir nicht und all den anderen, die jeden Tag aus Neue kämpfen.

Wer feiert uns, ist stolz auf unsere Stärke, unseren Mut, unsere hart zurück eroberte Gesundheit? Meist nicht mal wir selbst, da wir uns verunsichert fühlen. Dabei hätten wir es verdient, doch wissen wir oft selbst nicht, wer wir sind in einer Welt der Ambivalenzen- für die Ärzte zu dünn, für den Laufsteg zu fett.

Denn es ist leider noch immer so - wir feiern die Falschen.

Nämlich die, die ihre Tage damit verbringen, den Körper mit Akribie zu stählen, mit eiserner Disziplin die neueste Diät durchhalten und uns ihr Wissen gefragt oder ungefragt mitteilen, während sie an ihrem grünen Smoothie, versetzt mit den neuesten Superfoods, nippen.

Da stellt sich die Frage, wann wir nicht nur gutklingende Zeitungsartikel über Veränderung lesen, sondern beginnen, diese zu leben- um das zu feiern, was wir feiern sollten- nämlich uns selbst, weil wir sind, wie wir sind – ganz ohne Scheinheiligkeit.

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