Unzählige hektische Menschen rennen auf und ab. Sie stoßen und drängeln bei dem Versuch Bahnen und Busse zu erwischen. In Mitten des alltäglichen Chaos wirkt es, als würde Martin sich in Zeitlupe bewegen. In kümmert es nicht, ob er den zweiten 62er auch noch verpasst, obwohl er eigentlich mal wieder verschlafen hat. Er hat nicht mehr als verächtliche Blicke für den nächsten Speedy Gonzales übrig, der ihn mit Mordsgeschwindigkeit fast zu Boden wirft. Martin weiß, dass seine Betreuerin im Behinderteninstitut ihm ohnehin das Mittagessen warmhält, selbst wenn er 5 Stunden zu spät kommt. Das Institut ist wie ein eigenes kleines Paralleluniversum. Eines, dass von der Außenwelt durch einen ganz wichtigen Faktor abgeschirmt ist: Alles bewegt sich im gleichen Tempo wie Martin.

Vor acht Jahren war alles noch komplett anders. Martin hatte sein eigenes Grafikbüro mit neun Angestellten. Er lebte mit seiner Frau, zwei Töchtern und seiner Katze. Er war Schlagzeuger in einer Band mit seinen besten Freunden. Er war Marathonläufer und liebte es zu reisen. Dann ging alles schnell. Herzinfarkt. Koma. Konkurs. Scheidung. Mit Martins Gesundheit ging es mit der Zeit aber  immer weiter nach oben. Er hat es vom Pflegefall zurück ins Leben geschafft, aber nicht zurück in den Alltag. Die Minuten ohne Sauerstoff haben Spuren hinterlassen. Martin ist langsamer als zuvor, seine motorischen Fähigkeiten und sein Gleichgewicht sind beeinträchtigt, seine Stimme ist rauer und es fällt ihm schwer viel zu reden. Eigenschaften, die in der heutigen Gesellschaft fatal sein können. Am Arbeitsmarkt fällt er durch alle Raster. Angestellte die nicht schnell und belastbar sind interessieren keinen. Aber was passiert mit Menschen, die von einem Tag auf den anderen nicht mehr in unsere Welt passen? Wie kommt man zurecht, wenn man mit der Umwelt nicht mehr mithalten kann?

„Ich bin überall wo ich hingehe der jüngste“ erzählt Martin glücklich. Eine Tatsache, die andere 53-jährige Männer wohl weniger amüsant finden würden. Für ihn bedeutet es weniger Stress. Er geht ins Behinderteninstitut, zum Qi Gong und verbringt den Sommer am Donaukanal mit Bildhauern. Überall kann er sein Tempo selbst bestimmen. Anders als früher, kann er sich auf seine Arbeiten richtig konzentrieren. Er schleift Steine, malt Bilder, schreibt Artikel. Es gibt keine Schulden, keine Angestellten, keine Ehefrau. „Ich bin wiedergeboren“ sagt er strahlend. Wenn Martin glücklich ist merkt man das, man sieht ihm jede Emotion an. Er kann seine Gesichtszüge nicht mehr so kontrollieren wie früher.

Martin sitzt schweigend beim dreißigsten jährlichen Treffen mit seinen alten Freunden. Man sieht ihm an, dass er nicht einmal versucht den Gesprächen zu folgen. Alle reden laut und schnell. Erst als er sich zu seinem Bandkollegen aus früheren Zeiten gesellt, beginnt er zu reden. „Vor kurzem hab ich am Donaukanal zwei Zeugen Jehovas getroffen..“ beginnt er dem Chef einer Sicherheitsfirma zu erzählen. Eine Person kann sich leicht an ihn anpassen. Genauer zuhören und langsamer sprechen. Martin weiß, dass das in der Gruppe nicht funktioniert. Ihn verbindet ohnehin nicht mehr viel mit seinen ehemals besten Freunden.

„Mir geht’s gut, aber ich bin einsam“ sagt er zu seiner Tochter, die er beim Einkaufen trifft. Ändern kann sie daran nicht viel. Weil sie den Grund für seine Einsamkeit weiß, versucht sie es auch nicht. In den ersten Jahren nach dem Herzinfarkt kümmerte sich die ganze Familie um Martin. Auch seine damals 11-jährige Tochter pflegte ihn. Sie konnte aus erster Hand miterleben wie sich ihre Mutter um ihn kümmerte, ihre ganze Zeit und Kraft in ihn investierte. Er kam damit nicht zurecht. Wollte nicht bemuttert werden sondern bewundert. Auf Rehabilitation traf er dann eine Frau die genau das tat. Sie saß im Rollstuhl und war hilfsbedürftig. Martin fühlte sich gebraucht und verliebte sich. Seine Frau fand es heraus und ließ sich von ihm scheiden. Seine neue Liebe verließ ihn jedoch auch. „Sie wollte nicht der Grund für die Scheidung sein“. Seitdem ist Martin alleine.

Dass er alleine ist, merkt man auch an seinem Einkaufverhalten. Semmeln, Wurst, Käse, alkoholfreies Bier und jede Menge Schokolade und Chips. Martin kocht nicht. Für seine Kinder hat er es früher gerne getan. Jetzt isst er nur noch im Institut warm. Dort hat er Gesellschaft, ist unter „Seinesgleichen“ – Anderen Menschen denen es geht wie ihm.

Einkaufen ist nach all den Jahren immer noch eine einzige Qual für Martin. Jeder drängelt und ist gestresst. An der Kassa muss er sich beeilen. Langsam sein und alles ein paar Sekunden verzögern? In solchen Situationen ist Martin wie am Pranger. Die lebendigen Terminplaner um ihn herum würden ihn steinigen wenn sie könnten. Stattdessen schnauben sie verächtlich, werfen einen provokant auffälligen Blick auf die Uhr und verdrehen die Augen. So schnell es geht, lassen sie das Ärgernis hinter sich. Sein Verhalten zu hinterfragen kommt kaum jemandem in den Sinn. Wie ein defektes Gerät schieben sie ihn zur Seite, verdrängen ihn.

Martin ist mein Vater. Weil ich die damals 11-jährige Tochter bin, kenne ich seine Geschichte. Er ist nur einer von unzähligen Menschen, die plötzlich aus dem Leben gerissen wurden. Unfälle, plötzliche Krankheiten, finanzieller Ruin. Menschen denen man tagtäglich auf den Straßen Wiens begegnet. Über die man sich ein paar wertvolle Sekunden ärgert, weil sie langsamer sind als wir, Hilfe brauchen, oder ein paar Cent. Hinter jedem von ihnen steckt eine Geschichte wie Martin, eine, die es wert ist angehört zu werden. Aber wer hat schon Zeit, für die Menschen am Rande der Gesellschaft?

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