1915 ist bis heute eines der stritigsten Themen, wenn es um die modernen europäisch-türkischen Beziehungen geht. Die Massaker und Deportationen, die zum Verschwinden der armenischen Bevölkerung in Anatolien führten, ihre fehlende Anerkennung und der fehlende Respekt, sind auch 104 Jahre danach noch immer Gegenstand erbitterter Debatten zwischen Türken und der westlichen Welt. Doch heute, am traditionellen Gedenktag des armenischen Genozids, dem 24. April, an dem vor genau 104 Jahren die Repressionen begannen, gedenkt noch ein anderes, urchristliches Volk dem Genozid: Die Aramäer-Assyrer, Eigenbezeichnung „Suryoye“.

Dieses Volk, das heute eine moderne Variante des ebenfalls semitischen Aramäisch, der Sprache Jesu, spricht, siedelte ursprünglich im Norden Mesopotamiens. Heute umfaßt das Siedlungsgebiet den Nordosten Syriens, den Südosten der Türkei und den Nordirak, allerdings leben in allen drei Ländern nur noch wenige Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe, vor allem in der Türkei und im Irak ist der Exodus existenzgefährdend.

Das Herz des aramäischen Siedlungsgebiets in der Türkei ist das Tur Abdin Gebirge, welches sich größtenteils in der Provinz Mardin befindet. Die dortigen Kirchen und Klöster zählen zu den ältesten der Welt, so zum Beispiel das Kloster Mor Gabriel. Die Suryoye unterteilen sich in unterschiedliche Konfessionsgruppen: Der größte Teil bekennt sich zur Syrisch-Orthodoxen Kirche (Vor allem in der Türkei und Syrien), kleinere Gruppen, vor allem im Irak, zur Assyrischen Kirche des Ostens und der Chaldäisch-Katholischen Kirche. Heute leben noch einige Tausend Suryoye in der Südosttürkei. Viele wurden während der Ereignisse von 1915 von dort vertrieben, der Rest wanderte nach Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923 aufgrund von Assimilierungsdruck und dem Krieg mit der PKK aus, hauptsächlich nach Deutschland, Schweden und den USA. Seit einigen Jahren gibt es aber eine zaghafte Rückwertsbewegung der Diaspora.

1915 begannen dann auch Angriffe gegen die Aramäer-Assyrer, an denen sich, neben den Truppen des Osmanischen Reiches, auch kurdische Freischärler beteiligten, die sich durch den Tod ihrer Nachbarn, oft deren Eigentum einverleiben konnten. Oft wurde gar kein Unterschied zwischen Armenier und Suryoyo gemacht. Allerdings ist dieser Völkermord heute fast unbekannt. Dies hat mehrere Ursachen: Zum einen geschahen die Morde meistens in abgelegenen Dörfern, fern der Augen westlicher Diplomaten in abgelegenen Provinzen wie Mardin und Hakkari. Zum anderen gab es weit weniger Opfer: Schätzungen von Historikern sprechen von 100.000 bis 300.000 Toten (Der Genozid an den Armeniern soll bis zu 1,5 Mio. das Leben gekostet haben), die Wohnbevölkerung selbst soll auch nur eine halbe Million betragen haben. Ein kleinerer Faktor ist, daß die Armenier schon früh eine Nationalbewegung bildeten und einen eigenen Staat hinter sich haben, fehlt dies den Suryoye bis heute. Sie spalteten sich sogar in mehrere Lager: Die einen sehen sich als Nachfahren der antiken Aramäer oder Assyrer, andere auch als Chaldäer.

So geschah es, daß der „Seyfo“, das „Jahr des Schwertes, wie die Aramäer-Assyrer 1915 nennen, heute nur noch im Schatten des Armenischen Genozids steht. Selbst westliche Beobachter hatten bisher auch kein großes Interesse an dem Morden im Tur Abdin: So wurde bei der Pariser Friedenskonferenz 1920 der Bericht des britischen Historikers Arthur Toynbee über die Verbrechen gegen die anatolischen Christen der 100 Seiten starke Teil über die Suryoye gestrichen.

104 Jahre nach den Verbechen in der Türkei darf dieser Völkermord jedenfalls nicht in Vergessenheit geraten und er sollte langsam stärker in den Fokus der Öffentlichkeit kommen. Dieser Artikel ist ein Beitrag dazu.

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