"Hams an Zwei-Geh Nachweis", frug mich die Kassierin, so wie ihr vom Chef und dem Chef von der Regierung aufgetragen wurde. Die Antwort lautete folgerichtig: "Joooö", ich bin nämlich Inhaber einer Jö-Karte und zwei-geh-behindert.

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Das also ist die Wahrheit der Neuen Apartheid, in der ich als "Ungeimpfter" in Zwangsquarantäne diesen Kaufakt gar nicht hätte vollziehen dürfen. Die Verkäuferin tut, was ihr aufgetragen wurde (sie fragt nach Zwei-Geh) der mündige Bürger gibt die einzig richtige Antwort, die nur lauten kann: Joooö, Jawoll, Ja natürlich oder so ähnlich.

Diese Antwort entspricht jedoch nicht der Wahrheit, könnte ein Dogmatiker einwerfen und darauf hinweisen, dass die "wahrheitsgetreue" Antwort eines "Ungeimpften" nur "nein" sein könne. Als Moralphilosoph fühle ich mich dafür verantwortlich, diesen Konflikt aufzulösen, damit 99.000 Leser dieser Kolumne, die es gar nicht gibt, die ich mir aber wünsche, nicht schlaflose Nächte mit der Lösung dieser Frage zubringen. Selbst die Vorstellung, es könnte nur ein einziger Leser darob schlaflose Nächte verbringen, bereitet mir schlaflose Nächte.

Nun denn: der Dogmatiker setzt voraus, dass es eine Wahrheit gebe, der man sein Leben unterordnen müsse, egal ob das gut oder schlecht, egal ob das richtig oder falsch ist. Die Wahrheit des Dogmatikers lautet in unserem Fall: für den Ungeimpften gilt die Quarantäne, er darf nicht einkaufen gehen, somit auch nicht behaupten, er habe einen "Zwei-Geh Nachweis." Der betroffene Konsument dagegen glaubt an das Grundrecht, das in Österreich (bislang) Ungleichbehandlung aufgrund willkürlicher Gesetze und Verordnungen verbietet. Er weiß auch, dass es gar nicht gut, ja sogar schlecht ist, wenn er eine Ware, die er dringend benötigt, nicht kaufen darf. So schließt er daraus: wenn Gesetze und Verordnungen willkürliche Ungleichbehandlung verlangen, so ist die Einhaltung dieser Gesetze und Verordnungen nicht nur nachteilig, sondern grundsätzlich falsch. Richtig dagegen ist, den Grundrechten entsprechend zu handeln.

Anders gesagt: die richtige Antwort ist jene, die dein Gegenüber erwartet und nicht jene, die "der Wahrheit" entspricht.

Eine Lüge ist manchmal die bessere Wahrheit, sagt ein japanisches Sprichwort, das wohl auch Friedrich Nietzsche kannte, als er in "Jenseits von Gut und Böse" die Verlogenheit der Katholischen Kirche angeprangerte. Da die Glaubenswahrheiten der Priesterkaste offensichtliche Lügen seien, müsse ein redlicher Mensch lügen, um die Wahrheit zu sagen, so der Philosoph, der manche Teile dieser Widersprüchlichkeiten in seinen berühmten Aphorismen verarbeitet hat, aber den Großteil in Depressionen und sonstigen psychischen Krankheiten offenbar nicht verarbeiten konnte. Er ist bekanntlich mit 55 Jahren in einer Klinik in Basel verstorben - "in geistiger Umnachtung", wie es üblicher Weise heißt.

Dazu passt es oder auch nicht, dass mich Thomas von der Partei Planetarier heute gefragt hat: "Wie gehst du um mit der Ignoranz in unserer Gesellschaft?" Meine Antwort: "Ich ignoriere sie." Das war natürlich eine Lüge.

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