1977 entschied sich Günter Wallraff unter falschem Namen bei der Bildzeitung zu arbeiten. Dort lernte er was niemanden überraschte: die Nachrichten wurden geschrieben lange bevor die Fakten auf dem Tisch lagen.

Gut 30 Jahre galt sein Buch „der Aufmacher“ als der ultimative Beweis dass die Medien lügen.

Volker Pispers, ebenfalls im äußeren linken Rand beheimatet, prägte die Idee dass Nachrichten eben „Nachrichten“ seien weil man da etwas im Nachhinein richten müsse.

Als radikaler Linker in den 90igern glaubte man den Nachrichten nicht.

Zwar gab es schon damals die Idee dass manche Nachrichten besser seien als andre, aber am Ende des Tages musst man nur über einen Zeitraum von 3 Monaten zwei, drei unterschiedliche Zeitungen lesen um zu sehen dass überall munter nach-gerichtet wurde.

Wer kauft schon eine Zeitung um darin zu lesen dass schon wieder Millionen Menschen sicher in die Arbeit gekommen sind, der Wohlstand steigt, weniger Menschen in absoluter Armut leben und noch immer keine Hafenstädte Atlantis ins Meer gefolgt sind. Keiner.

Zeitungen sind Unterhaltung. Deswegen werden sie gelesen.

Ihrem Geist folgt das zeitgenössische Reality TV: auch dort wird so getan als würde man die Realität vermitteln und auch dort denkt sich der Konsument „Ach bin ich froh dass ich besser bin als diese Trotteln in Fernsehen, ha ha ha!“

Die Zeitung vermittelt dieses Gefühl intellektueller verpackt und dort reicht es nicht den Dorftrottel vorzuführen. Der Zeitungleser ist sich völlig im Klaren darüber dass er besser ist als die Reality TV Opfer, hier braucht man größere Fische. Der Zeitungleser ist also froh wenn er darüber berichten kann das ein Staatsmann einen Rechtschreibfehler auf Twitter macht, schon ist das Ego wieder beruhigt und das Dasein als unbedeutender Staatsbediensteter ist plötzlich viel erträglicher.

Die Nachrichten waren nie dafür da um Menschen zu informieren. Die Nachrichten waren schon immer Unterhaltung. Der erfolgreiche Infotainer entlässt seine Kunden stets mit dem Gefühl besser zu sein als die Leute über die er gelesen hat.

Die meisten Menschen wollen nicht aufschauen, sie wollen runterblicken.

In den seltenen Fällen in denen Figuren dargestellt werden zu denen man aufschauen kann wird sehr rasch überaus klar gezeigt dass diese Menschen quasi Heilige sind und man nicht sein kann wie sie. Weder Greta noch Obama konnte man als Franz Hinterwurt werden.

Man konnte nur aufschauen zu ihnen und ab und an im stillen Gebet um ihre Vergebung betteln.

Natürlich bedienen unterschiedliche Zeitungen unterschiedliche Gruppen und daher unterscheidet sich der thematische Schwerpunkt genauso wie die gewählte Sprache. Am Ende des Tages aber ist es das gleiche Strickmuster in anderer Farbe.

Nachrichten im Allgemeinen berichten nicht, sie vermitteln etwas das wir früher am Lagerfeuer erhalten haben: Geschichten über uns und den Rest der Welt mit einer klaren Message, dass wir besser sind als der Rest der Welt, vor allem aber besser als der Tribe einen Hügel weiter. Denn die sind immer die Übelsten!

Es kommt nicht von Ungefähr dass die wichtigsten Nachrichten zu einer Zeit ausgesendet werden in der Völker ohne Fernseher am Lagerfeuer sitzen und von Sündern, Helden, Teufeln und Heiligen erzählen.

Die Zeitung ist also so zuverlässig wie das Lagerfeuer, der Stammtisch oder jede andere Quelle von Geschichten über die Welt. Und genauso ein Teil von uns, eine unbestreitbare Notwendigkeit.

Es geht darum Geschichten zu erzählen die in den großen Handlungsbogen passt, eine Bogen der beschreibt dass wir nicht perfekt sind aber uns bemühen können um halbwegs so zu werden wie die Heiligen, wir den Sündern und Dämonen nebenan die Stirn bieten müssen und das nur gemeinsam geht.

Es ist diese Metageschichte die Menschen zu Wunderbarem und Fürchterlichem verleitet und egal wie man zu ihnen steht, sie sind Teil unserer Existenz.

Die Metageschichte ist die Kultur, die Nachrichten und Zeitungen, Blogger und Influencer sind die modernen Geschichtenerzähler und damit Kulturträger, im ständigen Wettbewerb um die Ohren der Lauschenden.

Sie sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Bewahrer der Metageschichte, sicher aber keine Agenten der Realität.

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Nonplusultra bewertete diesen Eintrag 03.10.2019 05:44:45

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