Wie Fritz Bauer Adolf Eichmann vor Gericht brachte

In Erinnerung an den Ersten Zionistenkongress vom 29. bis 31. August 1897 in Basel mit dem Ziel der Gründung eines Judenstaates in Palästina.

Fotomontage Manfred Breitenberger | Eichmann in Jerusalem | Fritz Bauer

Fritz Bauer wurde als Sohn jüdischer Eltern am 16. Juli 1903 in Stuttgart geboren. Als Fritz sieben Jahre alt war wollte er von seiner Mutter wissen was Gott sei. Die Mutter gab ihm keine Definition, sondern erklärte ihm er solle sich einfach ein Prinzip merken: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu.“ Fritz Bauer lebte in einem liberalen jüdischen Elternhaus und nach dem Studium der Rechtswissenschaft und seiner Promotion wurde er 1928 Gerichtsassessor beim Amtsgericht Stuttgart und bereits zwei Jahre später jüngster Amtsrichter im Deutschen Reich. Stuttgart ist in dieser Zeit eine Metropole in der Sozialisten und Künstler den Aufbruch üben. Fritz Bauer gehörte freilich zu den Exoten unter den Juristen, weil er als einziger Richter in Stuttgart das Parteibuch der SPD hatte.

Nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten wird Fritz Bauer im Juli 1933, wenige Wochen vor Kurt Schuhmacher in das Konzentrationslager auf dem Heuberg nahe bei Stuttgart eingeliefert. Er und die übrigen sozialdemokratischen Anführer werden von den anderen Gefangenen getrennt und sind gewaltsamen Verhören mit verschiedenen Prügelinstrumenten ausgesetzt. Über die acht Monate Erniedrigung und Qualen, die Fritz Bauer in dem Konzentrationslager erleidet, möchte er sein Leben lang nicht sprechen. Dass er als Generalstaatsanwalt auch nach dem Krieg nicht darüber spricht hat eine gewisse Logik, der Jurist will keine Rache er will Recht. Nach seiner Freilassung muss sich Bauer regelmäßig bei der Polizei melden und Gebühren von 2,60 Mark pro Hafttag für seine „Verpflegung, Unterkunft und Bewachung“ im Konzentrationslager abbezahlen. Am 15. März 1936 flieht Fritz Bauer nach Dänemark, wohin seine Schwester mit ihrem Mann bereits 1934 übergesiedelt ist. In Dänemark wird Fritz Bauer von der dortigen Fremdenpolizei überwacht, engagiert sich in verschiedenen Widerstandsgruppen, trifft Willi Brandt, wird später von den deutschen Besatzern verhaftet und entkommt später nach Schweden, wo er das Kriegsende erlebt.

Als die Nazis am 8. Mai 1945 kapitulieren, brennt Fritz Bauer vor Tatendrang. Am 9. Mai hält Bauer eine Rede im Stockholmer Gewerkschaftshaus, darin ruft er zum Aufbau eines demokratischen Deutschlands auf. 1945 bezeichnete sich Bauer noch stolz als „Deutscher und Jude und staatenlos“, vier Jahre später, bei seiner Rückkehr nach Deutschland verleugnete er sein Judentum und bezeichnete sich als „glaubenslos“. Bauer wollte nicht als jüdischer Rächer wahrgenommen werden, er wollte so unvoreingenommen wie möglich erscheinen. Nach vier Jahren im Wartestand in Dänemark wird Bauer 1949 Landgerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig, 1950 der dortige Generalstaatsanwalt und 1956 wurde Fritz Bauer in das Amt des hessischen Generalstaatsanwalts berufen.

Bereits als Chef der Anklagebehörden in Braunschweig, später in Frankfurt am Main, in einer Zeit in der die Mehrheit der Deutschen ihre Vergangenheit verdrängte und jede Erinnerung abwehrte, ein Zustand der vielfach bis heute anhält, machte Fritz Bauer in der noch jungen Bundesrepublik die nationalsozialistische Willkürherrschaft zum Thema. Bauers Bemühungen NS-Verbrecher vor Gericht zu stellen wurden oftmals durch alte braune Seilschaften im Beamtenapparat torpediert. Warnungen bekommen abgetauchte NS-Verbrecher in den 1950er- und 1960er-Jahren systematisch zugespielt. Beispielsweise über den Warndienst West, den die Hamburger Dienststelle des Deutschen Roten Kreuzes, unter der Leitung eines ehemaligen SS-Obersturmbannführers, an Traditionsverbände der Wehrmacht und SS in verschiedene Länder verschickt. Die Quelle dafür sitzt direkt im Bonner Regierungsviertel, es ist die 1950 gegründete Zentrale Rechtsschutzstelle für NS-Verdächtige, die von einem ehemaligen Staatsanwalt am NS-Sondergericht Breslau geleitet wird. Im Staatsapparat Nachkriegsdeutschlands bilden frühere NS-Beamte nicht nur einzelne Netzwerke, sondern inzwischen wieder eine breite Front. Bei Bauers Suche nach Eichmann will die deutsche Polizei nicht helfen. Der frühere SS-Untersturmführer Paul Dickopf, der Leiter der Auslandsabteilung des Bundeskriminalamts teilte dies Fritz Bauer bereits im Juni 1957 unmissverständlich mit. Die Taten Eichmanns seien politischen Charakters, weshalb eine Fahndung laut Interpol-Statut nicht möglich sei, so Dickopf. Von den 47 leitenden Beamten des BKA im Jahr 1958 sind 33 frühere SS-Angehörige. „Leistungsträger“ des NS-Systems wie Hans Globke, Reinhard Gehlen, oder Hans Filbinger wurden ebenso geräuschlos in die Bundesrepublik integriert. Fritz Bauer konnte nicht wissen, dass der Bundesnachrichtendienst bereits seit 1952 über Eichmanns Tarnnamen und Wohnort in Argentinien Bescheid wusste.

1957 geht bei Fritz Bauer ein Brief von Lothar Hermann ein, der von den Nazis nach Argentinien geflohene Jude schreibt darin, dass Adolf Eichmann unter falschem Namen in einem Vorort von Buenos Aires lebe. Da sich Israel um die dringende Aufgabe der Landesverteidigung konzentriere und die USA die Bestrafung von NS-Tätern an die Deutschen abgegeben habe und in der deutschen Justiz viele Richter und Staatsanwälte selbst verstrickt wären, wende sich der Briefschreiber an Bauer. Fritz Bauer, der Sozialdemokrat jüdischer Herkunft ist eine Ausnahmegestalt und deshalb bekannt bis hin nach Argentinien und Israel. Daraufhin trifft sich Bauer Anfang November 1957 erstmals mit dem Vertreter des Staates Israel in Deutschland, Felix Schinnar, um ihn über die Spur zu Eichmann nach Buenos Aires zu unterrichten. Auf Bauers Tipp geht im Januar 1958 ein Mossad-Agent in Buenos Aires auf die Suche nach Eichmann. Doch das mutmaßliche Eichmann-Haus in der Galle Chacabuco 4261 erweist sich als klein und ärmlich, weshalb der Agent ohne weitere Untersuchungen anzustellen ernüchtert heimkehrt. Bauer gibt nicht auf und bei einem zweiten Treffen mit einem israelischen Verbindungsmann im Januar 1958 lässt er sich das Versprechen geben, dass der Mossad die Spur zu Bauers Tippgeber Lothar Hermann zurückverfolgen werde. Doch auch die zweite Mossad-Mission endet in einer Enttäuschung, denn wie sich herausstellt ist Lothar Hermann fast blind und wohnt schon seit Jahren nicht mehr in Buenos Aires.

Kurz darauf wird Bauer vom ehemaligen SS-Untersturmführer Paul Dickopf in seinem Büro aufgesucht um ihm von der Suche in Argentinien abzuraten. Dort sei Eichmann definitiv nicht. Von verschiedenen anderen behördlichen Seiten wird behauptet Eichmann wäre im Nahen Osten. Bauer sieht sich nun bestärkt auf der richtigen Fährte zu sein und besinnt sich auf eine List. In einer Reihe von Pressemitteilungen und Erklärungen erweckt Bauer von Herbst 1959 an den Eindruck, als konzentriere er seine Ermittlungsbemühungen tatsächlich ganz auf den Nahen Osten um die „Nervösen“ in Sicherheit zu wägen. Selbst der Mitarbeiter Bauers, der offiziell für die Eichmann-Akte zuständig ist, ein Oberstaatsanwalt, tappt völlig im Dunkeln, als er dem hessischen Justizminister Anfang Oktober 1959 die Auskunft gibt, Eichmann habe sich wohl bis vor Kurzem in Ägypten aufgehalten. Auf der anderen Seite treibt Bauer die Verantwortlichen in Israel an, sich im Stillen weiter an Eichmann heranzupirschen, jedoch hat die Regierung in Jerusalem noch politische Bedenken. So reist Fritz Bauer im März 1958, im Sommer 1959 und Anfang Dezember 1959 zu Gesprächen nach Israel, um die Entscheidungsträger dort umzustimmen. Schließlich greift er sogar zu einer Drohung. Er, Bauer, werde nicht davor zurückschrecken doch noch einen Auslieferungsantrag an Argentinien zu stellen, wenn die Israelis nicht endlich ihre Unschlüssigkeit überwänden, dann jedoch wäre Eichmann gewarnt. Am 6. Dezember 1959 notiert Israels Ministerpräsident David Ben-Gurion in sein Tagebuch: „Ich habe vorgeschlagen, (Fritz Bauer) möge niemandem etwas sagen und keine Auslieferung beantragen, sondern uns seine Adresse geben. Wenn sich herausstellt, dass er dort ist, werden wir ihn fangen und hierher bringen.“ Damit ist die Entscheidung gefallen. Fritz Bauer versorgt Israel weiter mit Beweismitteln gegen Eichmann. Dafür bestellt er den 27-jährigen israelischen Ex-Fallschirmspringers Michael Maor nachts in sein Büro. Sein Auftrag: Fotografiere die Akte, die links auf dem Tisch liegt. Der Tisch steht im Büro des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Es ist die Akte Adolf Eichmanns, des rasend ehrgeizigen Cheforganisators des Holocaust, der den millionenfachen Mord an den Juden bis ins kleinste bürokratische Detail geplant hat. Nur wenige Wochen nach dem nächtlichen Einsatz, am Abend des 11. Mai 1960, wird der israelische Geheimdienst den NS-Verbrecher in seinem Unterschlupf in Buenos Aires kidnappen, Eichmann wird betäubt und verkleidet in einer Uniform der Fluglinie El Al in der ersten Klasse eines Passagierflugzeugs nach Israel geflogen werden, es wird zu einem der bedeutendsten Strafprozesse des 20. Jahrhunderts kommen, zu einem prägenden Moment für die noch junge israelische Gesellschaft.

Dass hinter all dem die Initiative eines einsamen deutschen Staatsanwalts steckte, erfährt die Welt nicht. Bauer will es so. Er hütet das Geheimnis eisern, denn er, der an allen Vorschriften vorbei gehandelt hat, wäre sein Amt in Deutschland sonst auf der Stelle los. Wie sehr muss es Bauer quälen, als 196o die ganze Welt nach Jerusalem schaut, wo der Eichmann-Prozess in einem riesigen Saal auf die Bühne kommt. Der Prozess wird von der israelischen Justiz als Medienereignis inszeniert, als eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die das bis dahin herrschende Schweigen in der Gesellschaft aufbricht. Davon hat auch Fritz Bauer geträumt, wobei er nur bedauerte, dass das israelische Gericht zur Todesstrafe greifen wolle, auch weil Eichmann dann künftig nicht mehr als Zeuge zur Verfügung stehe. Erst nach dem Tod Fritz Bauers am 1. Juli 1968 erfährt die Welt, als die israelische Zeitung Ma’ariv 1969 das Geheimnis lüftet, wie groß seine Rolle bei der Jagd auf Eichmann war. Israel hat so lange gewartet, bis Fritz Bauer keine Nachteile mehr erleiden kann.

Nach der Verurteilung Eichmanns leitete Fritz Bauer gegen allergrößte Widerstände und Feindseligkeiten in der Bundesrepublik die Frankfurter Auschwitz-Prozesse ein. „Wenn ich mein Büro verlasse, fühle ich mich wie im feindlichen Ausland“, sagte Fritz Bauer zu jener Zeit seinen Freunden. Der Kampf des Generalstaatsanwalts für die juristische Ausleuchtung der nationalsozialistischen deutschen Gesellschaft und die Ahndung ihrer Verbrechen fand während der Prozesse seinen Höhepunkt. Fritz Bauer wollte nicht so viele Angeklagte wie möglich vor Gericht bringen, sondern einen repräsentativen Querschnitt vom Kommandanten bis zum Häftlingskapo. Bauer wollte das Arbeitsteilige der Massenvernichtung nachweisen. Juristisch ging das Konzept von Fritz Bauer nicht auf, so wurden die Tatbeteiligten nur zu geringen Haftstrafen verurteilt. Die Richter definierten selbst eigenhändige Mordtaten als bloße Beihilfe zum Mord. Verantwortlich für die Morde waren für die Richter in den Auschwitz-Prozessen nur Hitler und Himmler und die machten sich bekanntlich auf ihre Art aus dem Staub. Auch die breiten Bevölkerungsschichten Deutschlands, vom Kanalarbeiter bis zum Intellektuellen der Gruppe 47, lehnten die Prozesse mit wenigen Ausnahmen ab, doch in der Weltöffentlichkeit erfüllte das Verfahren seinen Zweck und ansatzweise kam im Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss die Botschaft Bauers an. „Der Richter in unserem Strafrecht schaut rückwärts, und er sieht in Wirklichkeit nur Taten; er sieht leider nicht die Quellen, die Ursachen des Tuns, seien es nun irgendwie soziologische oder psychologische, individualpsychologische und massenpsychologische Ursachen. (…) Und ohne Kenntnis dieser Quellen des deutschen Übels, das unser aller Übel ist (…) gibt es auch kein Heil und keine Heilung. Der Jurist tut das nicht und Peter Weiss tut es zu wenig“, so seinerzeit Fritz Bauer. In Westdeutschland hatten die alten Seilschaften die Oberhand, so wurden die Prozesse kein Auftakt für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen durch die Justiz, sie markierten vielmehr den einsamen Höhepunkt. Damals wie heute wurde und wird ein Schlussstrich gefordert und gegen die “Moralkeule Auschwitz” lamentiert.

Knapp sechzig Jahre nach den Frankfurter Auschwitz-Prozessen und gut fünfzig Jahre nach dem Tod von Fritz Bauer bleiben uralte antisemitische Klischees oder israelbezogene Ressentiments in allen gesellschaftlichen Schichten Deutschlands von rechts bis links mehrheitsfähig. Auschwitz wird den Juden nicht verziehen, denn der Staat Israel bleibt lebendige Erinnerung an sechs Millionen Ermordete. Der Demokrat Fritz Bauer hat an der deutschen Geschichte mitgeschrieben und sie gleichwohl zum Guten hin beeinflusst. Ronen Steinke hat in seinem Buch davon erzählt. Seine facettenreiche Biographie Bauers sollte zur Pflichtlektüre nicht nur für Juristen, Journalisten und Politiker, sondern vor allem für rechte und linke "Judenkritiker" werden.

Quelle: Ronen Steinke – Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht – Biografie mit einem Vorwort von Andreas Voßkuhle – Piper, München 2013

Bereits veröffentlicht bei Mission Impossible

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