Als sich die Funktion von Schule von einem Tag zum anderen grundlegend änderte

„Eltern, die noch nie etwas von E-Learning gehört haben und nicht wissen, was das ORF-Spezialprogramm für Schulkinder überhaupt sein soll, sind sozio-ökonomisch schwachen Haushalten die Regel. Abgesehen davon müssen die Kinder und Jugendlichen daheim einen eigenen PC haben, um daran teilnehmen zu können. Die Eigenmotivation für Schule ist bei Pubertierenden ja generell nicht so hoch, wenn man auch noch keine Eltern hat, die dahinter sind, und stundenlang warten muss, bis der Bruder den PC freigibt sind die Chancen gleich null, dass Schule in Zeiten von Corona funktionieren wird.“ (Melisa Erkurt in Falter 12/20).

„Ab nächster Woche findet an den Schulen kein Unterricht statt“, verkündete Bundeskanzler Sebastian Kurz am 11. März. Diese Entscheidung kam für alle Beteiligten überraschend, gab es doch im Lauf der 75-jährigen Geschichte der Zweiten Republik keinen vergleichbaren Präzedenzfall.

Also fanden sich von einem auf den anderen Tag rund 1,2 Millionen Schüler*innen zusammen mit ihren rund 120. 000 Lehrer*innen zu Hause wieder. Für all diejenigen, deren Eltern sie nicht beaufsichtigen können, sollten einzelne Schulen als Betreuungseinrichtungen offen bleiben. Die meisten Schüler*innen aber fanden sich ab sofort Tag und Nacht im gemeinsamen Haushalt mit ihren Eltern wieder. Dort sollten Kinder und Jugendliche auf unbestimmte Zeit ihr virtuelles Klassenzimmer aufschlagen und sich bestmöglich auf ihre neuen Lernumgebungen einstellen.

Zur selben Zeit begannen viele Eltern, die Wohnung zum Home-Office umzufunktionieren. Andere mussten erst einmal den Schock der Kurzarbeit oder gleich der Arbeitslosigkeit verdauen während eine dritte Gruppe weiterhin außer Haus gehen sollten, um unsere überlebensnotwendige Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Weil die Großeltern als Hochrisikogruppe ausfällt, bleibt ihnen – sofern sie Ihre Kinder nicht der schulischen Betreuung ausliefern wollten – die Sorge, was diese in der unbeaufsichtigten Zeit anstellen würden.

Was wir hier erleben ist nicht mehr und nicht weniger als ein fundamentaler Wandel der Funktion von Schule in der Gesellschaft von einem Tag auf den anderen. War diese bislang darauf gerichtet, den Eltern schulpflichtiger Kinder (und darüber hinaus) das Erziehungsmonopol zu entziehen und dafür ein umfassendes Bildungsversprechen abzugeben, so sieht sich Schule aufgrund der aktuellen Krisensituation nicht in der Lage, diesen Deal aufrecht zu erhalten. Also gibt sie im Zuge staatlicher Einschränkungen der persönlichen Freiheiten den Erziehungsauftrag zumindest temporär zurück an die Eltern, nicht ohne dies sowohl mit Angeboten aber auch Verpflichtungen zu begleiten.

Auf dieses Szenario war Schule nicht vorbereitet – Jetzt zeigen sich ihre Stärken aber auch ihre Schwächen unverblümt

Auf einen solchen grundlegenden Wandel der Aufgabenstellung war Schule nicht vorbereitet (ich kann mir nicht vorstellen, dass es hierfür entsprechende Notfallpläne gab). Auch wenn die Epidemien der letzten Jahre eine Warnung hätten sein können, so waren die Schulverantwortlichen dennoch gezwungen, unvermittelt und voraussetzungslos in einen Krisenmodus überzugehen. Dieser abrupte Übergang brachte die Stärken ebenso wie ihre Schwächen des Systems Schule auf den Punkt.

Zu den Stärken zählen unzweifelhaft die meisten Lehrer*innen, die mit viel Engagement, Sachkompetenz und darüber hinaus Einfallsreichtum auf diese völlig unerwartete Situation reagiert haben. Als diejenigen, die in den letzten Jahren mit immer neuen Auflagen (Stichwort: „Standardisierung“) in ihrer pädagogischen Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden, waren sie schlagartig gefordert, ihre mannigfachen Improvisationstalente unter Beweis zu stellen und damit den Eindruck eines „geordneten Übergangs“ zu erwecken.

Aber auch die Schwächen zeigten sich vom ersten Tag an, wenn sich weite Teile der Bildungsverwaltungen eisern in Schweigen hüllten. In der konkreten Umsetzung der Regierungsentscheidungen überließen sie es weitgehend den einzelnen Schulstandorten, jeweils für sich adäquate Lösungen zu improvisieren. Im Zuge einer kleinen Recherche habe ich u.a. mit einigen Schulleiter*innen gesprochen. Zumindest eine sprach von „gelebter Schulautonomie“ als einzig möglicher Überlebensstrategie, während andere bis heute auf Direktiven „von oben“ warten. In Ermangelung jeglicher Vorgaben der regionalen Bildungsverwaltungenen macht sich allenthalben Frust breit, der diese Bürokratie nochmals fundamental in Frage stellt. Die meisten Informationen erhielten sie aus den Medien, eine Vorabinformation der Schulen war in der Regel nicht vorgesehen (Das betrifft auch die Entscheidung, Schulen in der Osterwoche zur Betreuung offenzuhalten. Eine Schulleitung berichtet von einem Mail, das sie vom Ministerium mit dieser Information am Freitag um 18:20 erreicht hätte, bevor am darauffolgenden Samstag die Medien davon voll waren. Auch die Bedarfserhebung, die sie in mehreren Sprachen vornahm, blieb völlig ihr überlassen).

Die unterschiedliche digitale Ausstattung der Schulen und Haushalte verstärkt die Selektion

Überdeutlich wird auch, dass die meisten Schulen bislang auf das digitale Zeitalter nur ungenügend vorbereitet waren. In vielen Schulen fehlt ein ausreichender Internet-Zugang, Hardware ist kaum vorhanden und bei der Software schlagen sich Schulen mit unterschiedlichsten Lern- und Kommunikationsprogrammen herum (Eltern und Schüler*innen müssen es ausbaden). Würden die Lehrer*innen nicht flächendeckend ihre privaten Geräte (inklusive der privaten Datenvolumina und Telefonnummern) nutzen, käme das schulische Angebot in diesen Tagen sofort zum Erliegen.

Das gilt umgekehrt auch für den Zugang der Eltern und Schüler*innen zur für die Kommunikation notwendigen Hard- und Software. Und zeigt damit noch ein elementareres Problem auf, wenn Schule die Zuständigkeit für geregelte Lernverläufe der Kinder an die Eltern zurückgibt: Entgegen so manchem bürgerlichem Selbstverständnis: „Heute hat doch jeder einen PC und ein Handy“ erweisen sich die unterschiedlichen Zugangschancen zur digitalen Infrastruktur bei genauerem Hinschauen als zentraler Selektionsfaktor. Die Nichtverfügbarkeit einer ausreichenden technischen Infrastruktur (und damit verbundenen Unkenntnis bei der Nutzung einschlägiger Software) benachteiligt vor allem Schüler*innen mit sozial prekärem Hintergrund (in diesem Zusammenhang werden erste politische Forderungen laut, die nach eine flächendeckenden Ausstattung samt begleitender Schulung rufen.

Rund ein Drittel der Kinder – vor allem in den Städten – ist verschwunden

Lehrer*innen haben vereinzelt versucht, dagegen anzugehen, Materialien erarbeitet, ausgedruckt und den Schüler*innen auf ihrem Weg nach Hause mitgegeben. Was sich aber jetzt schon andeutet, dass – jedenfalls in städtischen Ballungsräumen – rund ein Drittel auf dem Weg dorthin auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Während in kleinen Landgemeinden die Kommunikation zwischen Schule und den Schüler*innen – Haushalten zumeist klaglos funktioniert, stellt sich erst allmählich heraus, das städtische Schulen oft nicht einmal über eine aktuelle Telefonnummer der Eltern verfügen, E-Mails nicht stimmen und darüber hinaus Sprachbarrieren eine gelingende Kommunikation verhindern. Viele der „verschwundenen“ Kinder sind wahrscheinlich mittlerweile zusammen mit ihren Familien in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt, um so die Krise zu überdauern. Es ist zurzeit völlig unklar, ob diese und wenn ja, wie viele von ihnen irgendwann wieder in die Schulen zurückkehren werden (manchen Schulleitungen, vor allem in Wien ist das ganz recht, zumal sie zuletzt mit beträchtlichen Raumproblemen zu kämpfen hatten).

Vor diesem Hintergrund können die Äußerungen Ministers Faßmanns im Kurier, wonach sich in einer Umfrage von 500 Eltern und 300 Lehrern mit mehr als 80% eine überwiegende Mehrheit zufrieden mit der aktuellen Krisenbewältigung gezeigt hat, nur ironisch gemeint sein. Viel wahrscheinlicher ist da schon die Annahme, dass die gegenwärtige Krise die elementaren Widersprüche des österreichischen Schulsystems auf den Punkt bringt, ohne dass sich dagegen – jedenfalls im Augenblick – dagegen strukturelle Vorkehrungen treffen ließen.

Die gegenwärtige Phase der „Heimschule“ verschärft soziale Ungleichheit dramatisch

Also muss an allen Ecken und Enden ausprobiert werden, was es für wen bedeutet, wenn das österreichische Schulsystem eine höchste ausdifferenzierte Gesellschaft noch einmal kollektiv in die Erziehungspflicht nimmt. Bereits jetzt gibt es eine Fülle von Belegen, die alle darauf hinauslaufen, dass die soziale Ungleichheit auch in Österreich in den letzten Jahren zum Teil dramatisch zugenommen hat (siehe dazu etwa die Zahlen der Armutskonferenz. Gemessen an demokratiepolitischen Standards kommt dem österreichischen Schulsystem dabei eine – im internationalen Vergleich – besonders unrühmliche Rolle zu, wenn sie mit ihren geltenden Selektionsmechanismus wesentlich zur Verschärfung sozialer Ungleichheit beiträgt. Anhand aller verfügbaren Daten zeigt sich, dass Schule – trotz allem sozial inspirierten Engagement vieler Lehrkräfte – bereits in den letzten Jahren als zentrales Medium sozialer Integration versagt hat.

Jetzt wird der Erziehungsauftrag an die einzelnen Familien zurückgegeben. Diese repräsentieren in ihrer Gesamtheit genau die soziale Ungleichheit, gegen die der bildungspolitische Auftrag der Schule einst angetreten war. Daher fallen mir keine stichhaltigen Argumente ein, die darauf hindeuten würden, dass in der Privatheit der Keimzelle des Staates die soziale Chancenverteilung besser gelingen sollte als im Rahmen des öffentlichen Schulsystems. Das Gegenteil ist zu erwarten. Und dafür finden sich auch hinreichend Evidenzen: Während sich bildungsaffine Eltern mittlerweile Tag und Nacht darum bemühen, dass ihr Kind den Anschluss nicht verpasst, es vielleicht sogar gelingt, sich im Konkurrenzkampf Schüler*in gegen Schüler*in besser als bisher zu positionieren, werden andere den Kampf erst gar nicht aufnehmen. Sie haben andere Sorgen, wenn sie unter erschwerten Bedingungen weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, zugleich der Arbeitsplatz gefährdet ist oder schlicht der verordnete Zwangsaufenthalt zu fünft in einer 40m² Souterrain-Wohnung unerträglich wird. Diese unterschiedlichen Ausgangslagen werden auch noch so gut meinende Lehrer*innen unter den gegenwärtig verschärften Bedingungen „aus der Ferne“ nicht außer Kraft setzen können.

Das Profil von Schule wird wieder auf ihre traditionelle Funktion der einseitigen Wissensvermittlung zurückgeworfen

Erschwerend kommt dazu, dass in der gegenwärtigen Konstellation Schule noch einmal auf ihre überkommene Funktion der einseitigen Wissensvermittlung zurückgeworfen wird. Dem physischen Raum Schule als Ort der sozialen Übereinkünfte und Rückversicherungen beraubt, reduziert sich das verbleibende Angebot von Schule weitgehend auf das, was medial vermittelbar ist, damit auf Stoffvermittlung, in der Erwartung, diese irgendwann auch abprüfen zu können. Selbst, dort wo zuletzt zeitgemäße Unterrichtsformen wie schülerzentrierter Projektunterricht die Richtung vorgegeben haben, steigt jetzt wieder die Tendenz, zum alten Unterrichtsregime zurückzukehren (Ausnahmen bestätigen die Regel). Vereinzelt gibt es Versuche, bei aller Distanz auch die Kreativität der Schüler*innen zu stimulieren. So bieten einzelne Schulstandorte bildnerisches Material zum Mit-nach-Hause-nehmen an. Mir wurde auch berichtet, dass Schüler*innen an der Vorbereitung einer Musical-Premiere festhalten und dafür in virtuellen Kleingruppen proben).

Geht es nach der Einschätzung vieler Eltern, dann geraten Lehrkräfte gerade in Panik, weil sie fürchten, in dieser Ausnahmesituation „ihren“ Stoff nicht durchzubringen. Sie überschütten deshalb ihre Schüler*innen mit eine Überfülle an Aufgaben, an denen nicht wenige Schüler*innen und damit auch die ihnen im Nacken sitzenden Eltern verzweifeln. Dazu kommt, dass sich gerade in weiterführenden Schulen nicht eben durch eine Tradition der gemeinsamen Vorgangsweise des gesamten Lehrer*innen-Teams auszeichnen. Also versucht jede Lehrkraft – zum Teil entlang unterschiedlicher Software-Programme – ihre individuellen Kommunikationskanäle mit ihren Schüler*innen aufrecht zu erhalten. Die Folge sind überfüllte Mailboxen, die im Zuge dekretierter Deadlines nicht abzuarbeiten sind. Dass dabei auf individuelle Neigungen, Fähigkeiten aber auch Bedürfnisse nur sehr ungenügend eingegangen werden kann, versteht sich fast von selbst.

In diesen Tagen bewährt sich eine teamorientierte Schulkultur

Hier zeigen sich unmittelbar die Vorteile einer gelebten Schulkultur: Dort, wo die Schulleitungen bereits zuvor großen Wert auf Teambildung unter den Lehrer*innen gelegt haben und – trotz mancher Schwierigkeiten – auf einer gelingenden Kommunikation mit den Eltern bestanden haben, gestaltet sich gegenwärtig die Ansprache der Schüler*innen und Eltern besser, auch über die bestehenden sozialen Grenzen hinweg.

Vor allem Eltern, denen der Lernerfolg ihrer Kinder besonders auf dem Herzen liegt, erleben diese Phase als besonderen Disziplinierungsdruck, der sie in ein rigides Zeitregime zwingt und damit erheblichen Stress verursacht (was schon jetzt viele Familien in ihren geschlossenen Settings an ihre psychischen und emotional Grenzen bringt). Immerhin sollen sie ja auch noch – zum Teil auf denselben Geräten – ihr eigenes Home-Office betreiben. Eltern berichten, dass sich das zurzeit bis weit in die Nacht erstrecken kann.

Ganz anders hingegen Eltern, die Zeit ihres Lebens keinen engen Bezug zum schulischen Lernen gefunden haben. Sie können damit einen solchen „Schulhabitus“ im Familienverband erst gar nicht auf ihre Kinder übertragen. Dieser musste den betroffenen Kindern – oft entgegen dem Selbstverständnis der sie umgebenden sozialen Gruppe– erst mühsam im Rahmen der Organisation schulischer Lernprozesse vermittelt werden. Mit jedem Tag, den sie nunmehr zu Hause verbringen, verliert sich dieser und weicht der Vorstellung, dass Schule ohnehin nur einen unnotwendigen Zwang darstellt (Lehrer*innen können nach den zwei Monaten Sommerferien, „wenn sie wieder ganz von vorne beginnen müssen“ davon ein Lied singen). In diesen Haushalten finden sich auch die Eltern, die sich aus sozialer Scham nicht trauen, bei Fragen und Problem mit der Schule in Kontakt zu treten (etwa wenn es Probleme beim Internet-Zugang gibt); Augen zu, dann gibt es auch kein Problem, lautet da schon mal die Devise.

Die Schweizer Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm hat sich mit diesbezüglichen Phänomenen intensiver beschäftigt. Sie kommt zum Schluss, dass jede länger als dreiwöchige Schließung der Schulen gravierend negative Folgen für die betroffenen jungen Menschen haben würde. (Die österreichische Erziehungswissenschafterin Christiana Spiel ist in diesem Zusammenhang mit dem Vorschlag einer Tandem-Bildung an die Öffentlichkeit getreten: Kinder aus bildungsaffinen Haushalten sollten sich jeweils mit einem aus bildungsfernen Milieus zusammentun, um so gemeinsame Lernproesse zu stiften.)

Ach, das ewige Gwirxt mit der Notengebung

Ein besonderes Problem stellt offenbar die Durchsetzung der traditionellen Funktion von Schule als Prüfungs- und damit Selektionsinstanz dar. Intuitiv spürt ein Teil der Lehrer*innen, dass ihnen die traditionellen Sanktionierungsmittel mit Hilfe der Notengebung abhandenkommen. Umso massiver versuchen sie da oder dort, etwa durch Dekretierung enger Deadlines zur digitalen Abgabe von Aufgaben, zumindest den Anschein der Aufrechterhaltung traditioneller Bewertungsmaßstäbe zu erwecken. Sie setzen damit selbst gutmeinende Familien unter beträchtlichen Stress.

Während Minister Faßmann bei Matura-Regime bereits einzulenken beginnt, beschäftigen sich andere Kolleg*innen mit der Interpretation der geltenden Leistungsbeurteilungsverordnung. Dabei weisen sie darauf hin, dass diese nicht nur den gespeicherten und abrufbaren Wissensstand bemisst sondern auch die Mitarbeit als zumindest gleichberechtigte Prüfungsform. Dazu kommt, dass bei der „Beurteilung eines Schülers (…) der Lehrer alle im Unterrichtsjahr erbrachten Leistungen zugrunde zu legen” hat. Angesichts des fortgeschrittenen Schuljahrs kann also davon ausgegangen werden, dass es bereits jetzt genügend Hinweise zum erbrachten Leistungsstand gibt.

Diese Vorgaben ermutigen zurzeit viele Kolleg*innen, dass die Notengebung – zumal in den aktuellen Umständen – nur wenig geeignet erscheint, Schüler*innen, zumal solche, die von zu Hause aus keine Unterstützung erfahren – an der Lernstange zu halten (Mit entsprechenden Prioritätensetzungen hat sich zuletzt der Erziehungswissenschaftler. Sie teilen mit mir die Vermutung, dass alle Schüler*innen – so oder so – dieses Semester positiv beenden und somit in die nächste Klasse aufsteigen werden. Das gilt auch für die Maturajahrgänge zumal jeder Einspruch gegen eine negative Beurteilung aufgrund der besonderen Umstände jede Chance auf Erfolg hätte, wenn die Frage nach der “Schuld” nicht allein auf die betroffenen Schüler/Schülerin abgewälzt werden kann.

Dem Versuch, diese Zeit als „verlorenes Semester“ abzuwerten, mag ich nichts abgewinnen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass ich als 12-jähriger mehrere Monate im Spital war und erst 14 Tage vor Schulschluss wieder ins Klassenzimmer zurückgekehrt bin. Die Lehrer*innen waren weitgehend übereinstimmend der Meinung, ich solle einfach dort weitermachen, wo ich vor der Erkrankung aufgehört habe. Ihr Rat hat sich bewährt,ich habe die nächste Klasse problemlos bestanden (Nachzulesen in einem weiteren Blog).

Welche erste Lehren können wir schon jetzt ziehen?

Sehr wohl aber lässt sich aber schon jetzt die eine oder andere Lehre ziehen, die geeignet ist, die Qualität einer Schule, die irgendwann auch wieder zu einem Normalbetrieb zurückkehren wird, nachhaltig zu verbessern. Vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen scheint eine Verbesserung der technischen Ausstattung. Minister Faßmann hat bereits für nach Ostern eine flächendeckende Ausstattung mit digitalen Lernplattformen versprochen. Dazu wird er um Entscheidungen nicht herum kommen, wie die Lehrer*innen endlich mit ausreichenden digitalen Werkzeugen ausgestattet werden können (Schulleitungen beschweren sich u.a. darüber, dass selbst sie nicht mit Diensthandys ausgestattet werden. Das Argument dagegen sei bislang vor allem von Seiten der Personalvertretung gekommen, die darin eine Gefahr des „gläsernen Lehrers“ erkannt haben wollen). In aller Deutlichkeit zeigt sich, dass Länder, die bereits in den letzten Jahren massiv in die technische Infrastruktur ihrer Schulen investiert haben, mit den gegenwärtigen Herausforderungen besser zurande kommen.

Schwieriger schon wird sich der wachsende Bedarf befriedigen lassen, die Schulkultur an den einzelnen Schulstandorten zu verbessern. Wie kann es gelingen – ebenso flächendeckend – aus Orten des traditionellen Einzelkämpfertums teamorientierte pädagogische Konzepte zu entwickeln, die in der Lage sind, der wachsenden sozialen Verungleichung entgegen zu wirken.Dazu gehört auch eine nachhaltige Verbesserung der laufenden Kommunikation aller Schulpartner*innen, wenn – wie sich erst jetzt in vollem Ausmaß herausstellt – bislang vor allem viele Eltern völlig abseits stehen.

Erleben wir gerade das Ende des Wissensvermittlungsmonopols von Schule?

Damit könnte Schule auch nochmals ihren Charakter als Ort der sozialen Integration unter Beweis stellen, um sich so gegen das wachsende Auseinanderdriften auch der österreichischen Gesellschaft zu stemmen. Gerade in diesem Zusammenhang entstehen bei mir gerade weiterreichende Vorstellungen, wonach die aktuelle Übertragung schulischer Erziehungs- und damit verbundener Bildungsaufgaben nach der Krise dazu führen könnte, einen größeren Teil der Wissensvermittlung ganz einfach dort zu belassen. Wenn zurzeit alle Schulpartner*innen hautnah haben, dass „Distance Learning“ funktioniert, könnte rasch die Frage aufkommen: Warum diese Version – zumindest in Teilbereichen – nicht einfach fortsetzen? Sie ist bequem, darüber hinaus personal- und ressourcenschonend und sie stärkt die Eigenverantwortlichkeit der Zivilgesellschaft.

Umgekehrt – so die Argumentation einer neuen Generation von privaten Anbietern – könnte sich der physische Raum der Schule auf die soziale Dimension von Lernprozessen konzentrieren, als Ort der persönlichen Begegnung, der für besseres genutzt werden kann als für einseitige Wissensvermittlung. Immerhin erfahren wir gerade, dass diese im Netz auf weit attraktivere Weise als in den klassischen Schulsettings konsumiert werden kann. Die Vermutung, dass dieses Setting vor allem für bildungsaffine Eltern (die mit ihren Kindern bereits jetzt zunehmend in den geschützten Privatschulbereich abwandern) erstrebenswert erscheint, erzwingt freilich eine ganz neue Qualität kompensatorischer sozialer Maßnahmen nicht nur der Bildungspolitik, um öffentliche Schule auch in Zukunft demokratiepolitisch überhaupt noch legitimieren zu können.

Und jetzt noch ein Sidestep: Anhand des aktuellen eklatanten Versagens in zentralen Bereichen wäre nochmals die Funktion der regionalen Bildungsdirektionen zu Disposition zu stellen. Im Augenblick beschränkt sie sich im Wesentlichen auf ein Filtern und Durchwinken ministerieller Vorgaben während sie ihrer versprochenen Aufgabe der Begleitung, Servicierung und Unterstützung der einzelnen Schulstandorte gerade in schwieriger Zeit kaum oder gar nicht nachzukommen in der Lage erscheint.

Im Augenblick sammelt die PH Zug gerade Daten zur besseren Einschätzung, wie Schule mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen vermag. Die Kolleg*innen ersuchen um rege Beteiligung.

Dazu noch einige Hinweise zu Begleitprogrammen: So hat das Ministerium eine Eduthek mit Schulmaterialen eingerichtet, der ORF hat mit „Freistunde“ sein Bildungsprogramm wieder aufgenommen und bietet auf seiner History-Plattform eine Reihe von Zeitgeschichte-Dokumenten. Speziell für an Kultur Interessierte gibt es eine Plattform, auf der sich Künstler*innen in Life-Acts präsentieren (Home-Stage-Festival).

Bleiben Sie gesund und zuversichtlich: Weil „Das Leben ist schön!“ (Roberto Benigni)

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tantejo

tantejo bewertete diesen Eintrag 28.03.2020 16:47:50

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