Was in Gießen gesagt wurde oder: Stadtbild war gestern, Heimat ist heute

Während in der „Welt“ der notorische Norbert Bolz ein „Umdenken“ fordert und wie beiläufig erwähnt, dass „die Antifa“ in den USA als Terrororganisation verboten sei, während in der selben Zeitung ausgerechnet die „Redakteurin für Meinungsfreiheit“ verlangt, die Demos müssten „ein Nachspiel“ haben und „Nius“ die Schlagzeile vom „linken Mob“ mit einem Foto illustriert, auf dem ein Wasserwerfer Jagd macht auf zwei Demonstrant*innen, während all dieser skurrilen Bemühungen, antifaschistische Proteste zu delegitimieren, geht ein bisschen unter, was da eigentlich auf der Gründungsversammlung der „Generation Deutschland“ gesagt wurde. So verkündete der Vorsitzende Hohm: „Wir werden entschlossen streiten für eine echte Migrationswende, die dafür sorgt, dass Deutschland die Heimat der Deutschen bleibt.“ Die auffällige Verwendung des Begriffs „Heimat“, wenn es doch eigentlich nur um ein Land geht, setzte sich in anderen Redebeiträgen fort, die um den seit dem Potsdamer Treffen virulenten Kampfbegriff „Remigration“ kreisten: Während das Vorstandsmitglied Julia Gehrkens behauptete, „nur millionenfache Remigration“ schütze „unsere Frauen und Kinder“, forderte Helmut Strauf: „Wir müssen abschieben, abschieben, abschieben, bis Deutschland wieder Heimat wird.“ Hier wird der Heimatbegriff nicht als Bezeichnung einer Region, sondern deutlich bevölkerungspolitisch benutzt. Damit wird Samuel Salzborns These bestätigt, er beinhalte „stets eine integrative Verbindung von geografischem Ort und bevölkerungspolitischer Zuschreibung“ und umfasse daher „eine strukturell völkische Dimension“ (vgl. Salzborn: Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern). „Heimat“ verknüpft bestimmte Kollektive mit bestimmten Orten und wer zu diesen Orten nicht gehört, muss entfernt werden, um im völkischen Kollektiv wieder Zufriedenheit oder ein Gefühl der vermeintlichen Sicherheit zu erzeugen. Dass sich diese vormoderne Definition nicht um ein modernes Staatsbürgerrecht schert, wurde im Nachgang des Potsdamer Treffen deutlich, als Sellner und seine Anhänger davon zu raunen begannen, man solle den „Assimilationsdruck“ auf deutsche Staatsbürger*innen so erhöhen, dass sie freiwillig ausreisen. Friedrich Merz hat sich an dieses Milieu angebiedert, als er sich über ein „Stadtbild“ beklagte, das ihm zu migrantisch geprägt erschien, als wäre er nicht auch der Kanzler der Deutschen mit Einwanderungsgeschichte. Wer sich aber an die Rechtsextremen anbiedert, muss erleben, dass das Original stets davon profitiert, wenn die Fälschung es bestätigt. Wenn sich Merz nicht auf die Seite des Antifaschismus schlägt und konsequent ein Parteiverbot anstrebt, wird er erleben müssen, dass seine Partei von der AfD beschädigt, wenn nicht beseitigt wird. Zumindest dadurch wäre ihm ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher.

0
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
0 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

1 Kommentare

Mehr von thomas schweighäuser (ex Gotha)