Kann Fiktion wahrer als die Realität sein?

Was wahr ist, darüber debattieren die Philosophen seit wir denken können. Für viele gibt es das Wahre, das Natürliche und dann gibt es da noch etwas das anders, größer, also übernatürlich ist. Eine der häufigsten Formen stellt die Religion dar. Die Religion beschreibt was wir nicht offensichtlich sehen können.

Sie beschreibst diese Dinge in (halb)verständlichen Worten, umwickelt von einem Haufen Prosa der hübsch klingen soll, der Schöpfer des Buches will ja am Ende des Tages Bücher verkaufen. Je organisierter eine Religion wird, desto mehr nimmt der Prosa Anteil überhand, das Marketing wird wichtiger als das Produkt. Wie so oft.

Die meisten heiligen Bücher wurden im Laufe der Jahrhunderte redaktionell aufgehübscht, die Kanten wurden abgerundet und verziert, auf der Strecke blieb dabei aber die zentrale Wahrheit, das was wirklich wichtig ist, was die ersten Exemplare des Buchs verkauft hat.

Die Geschichten die in unseren heiligen Büchern stehen sind vermutlich deutlich älter als die Bücher selber, es sind die Geschichten die sich Menschen schon ewig erzählt haben, es sind die Geschichten die die Zeitalter überdauert haben.

Hier gilt es zu verstehen, dass <Dinge die nicht wahr sind> eben irgendwann nicht weitererzählt werden. Die meisten unserer Geschichten werden vergessen, andere bleiben, zumindest in abstrakter Form, erhalten.

Der Herr der Ringe etwa hat nach 65 Jahre Relevanz während Ayla und den Clan der Bären nach nur 30 Jahren weitgehend vergessen ist. Der Grund dafür ist, dass der Herr der Ringe nach einem erfolgreichen Muster geknüpft ist, der sogenannten Heldenreise. Der Schlüssel zum Erfolg des Herrn der Ringe ist auch der Grund warum Ayla vergessen wurde: der Herr der Ringe baut auf der Heldenreise auf und die Heldenreise ist mehr als wahr, insofern als dass sie, in abstrakter Form, das Erwachsenwerden beschreibt:

Man beginnt im bekannten, folgt dem Aufruf zum Abenteuer wird geprüft, verführt und nachdem man über den Abgrund gesprungen ist wird man transformiert und kommt zum Vertrauten als gewachsener Mensch zurück.

Der Herr der Ringe ist mehr als wahr, weil die Heldenreise eine zentrale Wahrheit ist (weil "Erwachsenwerden" eben wahr und relevant ist), während Ayla und der Clan der Bären, obwohl in einem sehr viel realistischem Rahmen gehalten, nicht wahr ist, weil das was Ayla passiert sich nicht mit den gelebten Erfahrungen des Großteiles der Menschen deckt, sondern eben nur einen Einblick in das tief traurige Weltbild der Autorin gestattet.

Es gilt hierbei zu verstehen, dass niemand behauptet, dass es Neandertaler nicht gab oder Hobbits wirklich gäbe. Was die Geschichten mit uns resonieren lässt ist ihre fundamentale Wahrheit, nicht die Prosa darüber.

Genau aus diesem Grund halten sich die heiligen Bücher auch so erfolgreich, weil trotz all dem Unsinn der dort niedergeschrieben steht dort drin dennoch viele fundamentale Wahrheiten das Grundgerüst für die überzogene Deckschicht bilden.

Es ist zum Beispiel wahr, dass in der Gegenwart mancher Menschen Wasser wie Wein schmeckt, obwohl niemand Wasser in Wein verwandeln kann und es ist wahr dass wir immer wieder die bekannte Welt untergeht und neu aufgebaut wurde, auch ganz ohne weltweite Flut.

Diese fundamentalen Wahrheiten sind es die uns faszinieren und öfter als nicht verhindert der dick aufgetragene Putz aus Prosa sie zu erkennen.

Es gilt hierbei nicht eine Lanze für die heiligen Bücher zu brechen, es gilt nur zu verstehen warum von ihnen für so viele Menschen eine so fesselnde Faszination ausgeht.

Die alten verstaubten Bücher, mit all ihren verstaubten Ansichten werden nicht verschwinden indem wir sie verbrennen sondern indem wir um ihre mehr als wahren Kernideen eine neue Prosa wickeln. Wer aber mit diesen urmenschlichen Kerngeschichten rund um Erfolg, Familie, Zugehörigkeit und Sinn ein fundamentales Problem hat, kämpft gegen Windmühlen.

Solange der Mensch ein Mensch ist wird er sich Geschichten erzählen die abstrakt, absurd und oftmals überzeichnet, beschreiben warum wir sind wie wir sind.

Und diese Geschichten sind, obwohl sie oftmals vorwiegend Fiktion sind, wahrer als die Wahrheit.

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Leela Vogel

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Kai-Uwe Lensky

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