Wendepunkt Afrika: Einmal Uganda und zurück

„Die Reise war ein Wendepunkt für mich – das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen. Ich bin zurück, habe aber kein Geld, keine Zukunftsaussichten. Das ist die Realität. Ich muss mal herausfinden, wie ich die nächste Monatsmiete bezahlen soll.“ Noch vor einigen Wochen hätten diese Worte von mir stammen können. Ausgesprochen hat sie mein Bekannter Scott in einem Email. Gefühle wie diese scheinen vielen von uns nicht mehr fremd zu sein. Zumindest begegne ich immer mehr Menschen, die sich in dieser misslichen Lage befinden. Die weder Ein noch Aus wissen. Die keine Ahnung haben, wie es für sie – privat wie beruflich – weitergeht. Die nur eines spüren: Ihr Lebensstil, ihre Werte, ihre Ansichten, sie passen nicht zu dem, was gemeinhin als „normal“ - für das Alter, für die Situation, wofür auch immer – angesehen werden. Es sind nicht irgendwelche Menschen, keine 16-Jährigen nach dem Schulabbruch, keine Studenten, die sich zwischen Fach A und B nicht entscheiden können. Es handelt sich um Menschen, die wie Scott als Comic-Buch-Autor bei Warner Bros. schon Karriere gemacht haben, die sich auf einen „Partner fürs Leben“ eingelassen und sich von diesem wieder gelöst haben, die Träume verwirklicht und Leben gelebt haben. Das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen und wieder von vorn anfangen zu müssen, ohne dieses „Vorne“ zu kennen, das haben sie gemeinsam. Und es wird von Mal zu Mal weder besser noch einfacher.

Ich muss es wissen: Ich bin 36, war einige Jahre in Marketing, PR und Werbung tätig, habe mich als freie (Reise)Journalistin behauptet, besitze eine Eigentumswohnung in Wien, kann mich auf meine Familie und Freunde verlassen, habe die Welt bereist – und stand Ende 2014 wieder vor der totalen Leere. Von meinen Aufträgen als freie Journalistin konnte ich nicht leben, erfolgsversprechende Projekte verliefen im Sand, und das Unternehmen, in das ich nach langer Selbstständigkeit, mit meiner Freiheitsliebe und meinem Drang, etwas Sinnhaftes zu tun, passte und das zurzeit eine geeignete Aufgabe angeboten hatte, das musste wohl erst erfunden werden. Gefunden hatte ich es jedenfalls genauso wenig wie eine Zukunftsperspektive oder eine Idee, wie es weitergehen könnte. Ich saß fest.

Was tut eine, die nicht still sitzen kann, wenn sie festsitzt? Genau, sie bucht einen Flug auf den Kontinent, den sie noch am wenigsten bereist hat: Afrika. Doch auf abenteuerliches Backpacken oder reines Sight-Hopping hatte ich keine Lust – ich wollte das Land und seine Menschen kennen lernen, Kultur einatmen. Zugegebenermaßen war mir der Gedanke, allein durch Afrika zu tingeln, ein Gräuel. So hatte ich es zwar in Südamerika oder Asien getan, aber der Schwarze Kontinent, das ist noch einmal eine andere Dimension. Zumindest in meiner Vorstellung. Ich wollte mein erstes Mal behutsamer angehen – und am liebsten einen Beitrag leisten, mich nach den Monaten der Arbeitslosigkeit endlich wieder gebraucht fühlen.

„Charity before Christmas“ kam da wie bestellt. Unter diesem Motto rief die österreichische Voluntourismus-Organisation Karmalaya der ehemaligen Reise-Journalistin Tina Eder Interessierte dazu auf, zwei Wochen lang mit nach Uganda zu kommen und in einem kleinen Dorf in der Region Luwero, nördlich der Hauptstadt Kampala ein Lehmhaus zu bauen. Es dauerte keine zwei Sekunden, schon hatte ich das Email an Tina formuliert: Ich will! Unbedingt!

"Work for a cause, not for applause.” (Marc and Angel)

Tatsächlich befand ich mich ein Monat später in Uganda. Prall gefüllt mit angelesenem und erzähltem Wissen über das Land in Ostafrika, das für die freundlichsten, aber auch arbeitsschwächsten Menschen des Kontinents, seine Schreckensgeschichte unter Diktator Idi Amin und vielleicht noch für das erst jüngst gefundene Ölvorkommen bekannt ist (und nein, dort gab es übrigens zu der Zeit kein Ebola!). Alles Andere wollte ich vor Ort erfahren, von den Menschen. Ich hatte mich nicht nur dazu entschlossen, beim Hausbauprojekt für die HIV-kranke Witwe Sarah N. und ihre acht Kinder dabei zu sein. Ich wollte darüber hinaus zwei weitere Wochen im Dorf leben und arbeiten, um das Programm von Kamalaya kennen zu lernen. Tina und ihr Mann Matthias haben nämlich gemeinsam mit der ugandischen Partner-NGO „Hope” im Dorf so einiges vor. Im November 2014 hatten sie in einem TEDx-Talk ihre Produktlinie „KALiARE – empowerment products“ gelauncht. Als erstes Produkt dieser Serie wurden zwei Papierperlen-Halsketten in limitierter Auflage auf den Markt gebracht. Benannt nach den ersten Frauen, die dadurch unterstützt werden: Margret und Lydia. Ihnen und weiteren Frauen soll durch den Verkauf nicht nur für ein Jahr ein Einkommen gesichert werden, er ermöglicht auch das Projekt weiter voranzubringen, mehr Frauen zu fördern. Die Einnahmen fließen zu 100 Prozent in die integrierte Initiative. Langfristig soll diese sehr vielen Frauen in Entwicklungsländern wie Uganda, aber auch Nepal eine Zukunft geben, so der Plan von Karmalaya. Neben fairen Löhnen, Rücklagen und dreijährigem Bildungsprogramm wird durch den Verkauf der Halsketten unter anderem auch ein Child Care Center und der Bau eines Community-Centers in Uganda finanziert. All das sollte ein Monat lang meine Welt sein.

„Reise lieber mit der aufgeschlossenen Haltung, dass du im Land bist, um zu lernen, als engstirnig zu denken, dass du „nur“ gekommen bist, um zu helfen.” Dieser Satz steht im Verhaltenskodex für Volunteers, den mir Karmalaya als Vorbereitung auf die Zeit geschickt und den ich – nicht gerade leichtfertig, aber doch recht zuversichtlich - unterschrieben hatte. Ich hätte ihn mir stündlich vor Augen halten können. Zwar war mir von Anfang an klar, dass mich weder die finanzielle noch die manuelle Unterstützung zum guten Samariter machte. Schließlich waren mir die Erzählungen von ehemaligen Fachkräften, die von meiner früheren Arbeitsstätte HORIZONT3000 in Länder des Südens geschickt wurden, um Entwicklungszusammenarbeit zu leisten, noch sehr gut in Erinnerung. Sie alle hatten unisono berichtet, dass die erste Zeit in ihren Projekten nur aus Beobachten, Abwarten, Ideen-Aufschreiben und wieder Verwerfen bestand. Dass sie genau dadurch gelernt hätten, ihre vorgefassten Meinungen und die unterschwellig in uns vergrabenen Bilder vom „allwissenden Westler” über Bord zu werfen. Genau das hatte ich mir gewünscht.

Dennoch war es wohl für niemanden überraschender als für mich, wie sehr ich genau daran in Uganda immer wieder zu knabbern hatte. Ich, die Vielgereiste. Diejenige, die auf Böden, Matratzen und Couches schlafend von Alaska bis Uruguay bei Einheimischen untergekommen ist. Die lieber mit Einheimischen deren Alltag lebt, als im Hostel Mitreisenden begegnet. Die auf Teeplantagen, in Ökodörfern und Yoga-Gemeinschaften gewohnt hat. Ja, genau, ich.

Uganda lässt keinen kalt. Darin sind sich alle einig, mit denen ich gesprochen habe. Die erfahrenen NGOler, die sich teils seit Jahrzehnten für die Entwicklungszusammenarbeit einsetzen und angesichts der starr-trägen Ergebnislosigkeit nicht mehr weiter wissen, genauso wie die Jung-Enthusiasten auf Durchreise, die selbst das tausendste „Bye Bye, Muzungu“ von Kindern auf den Straßen mit einem begeisterten Winken beantworten. Ich kann sie beide verstehen.

„Wir wissen zwar nicht, wo es langgeht, aber wir werden uns trotzdem beeilen“, wie treffend dieser Spruch auf uns Europäer passt, wurde mir beim Hausbauprojekt in Uganda so richtig bewusst. Während es die beiden Co-Voluntärinnen aus Deutschland sowie der Schweiz und ich nicht erwarten konnten, unsere Pflicht zu erfüllen, in die Hände zu spucken und buchstäblich im Dreck zu wühlen, um das Haus für die neunköpfige Familie schnellst möglich hoch zu ziehen, ticken die Afrikaner spürbar anders: „Wir machen einmal Pause“, Aufforderungen wie diese holten uns immer wieder in die ugandische Wirklichkeit zurück. In dieser gilt vor allem Folgendes: Pausen sind das Wichtigste und Afrikaner haben Zeit. Zwei Erkenntnisse, mit denen wir zwar haderten, die wir aber akzeptieren mussten. Allein schon deshalb, weil wir noch nie ein Lehmhaus gebaut hatten und somit von den Anweisungen unseres ugandischen Chefs mit Spitznamen Boy abhängig waren. Leicht fiel uns das Ganze nicht. Immer wieder ertappten wir Europäerinnen uns, erst beim Produktivsein so richtig aufzublühen. Bei uns muss es weitergehen, wir müssen sichtbare Fortschritte machen, ständig etwas tun, so effizient und zeitsparend arbeiten wie möglich. Doch sosehr wir uns ein System oder eine geplante Vorgehensweise wünschten, wir waren in Uganda – und da hat man eben vor allem Eines: Zeit.

Und eine riesige Portion Optimismus, dass alles genau dann passiert, wenn es passieren soll.

Letzteren nahm auch ich nach den fünf Wochen als Souvenir aus Uganda mit. Vielleicht lag es an der Weite der endlosen Landschaft, die sich uns bei einer dreitägigen Safari im Murchison Falls Nationalpark dargeboten hatte. Vielleicht am schier grenzenlosen Lake Victoria, der in der Abendstimmung in rötliches Licht gefärbt wird. Oder am breiten Nilfluss, auf dem ich im Raftingboot friedlich dahingleiten konnte, bevor mich seine Stromschnelle und Wasserfälle überraschen konnten. Es sind diese Moment der Offenheit und Freiheit, die ich in meinen Tagen in Uganda aufsauge – und die ich seither genauso in meinem Herzen trage wie die Menschen, die mich mit offenen Armen empfangen hatten und die innerhalb kürzester Zeit zu Verbündeten, zu Freunden geworden waren. All das hielt mir plötzlich (und überraschend) wieder berufliche wie private Möglichkeiten vor Augen. Ich hatte mich daran erinnert, dass es gut weitergehen darf - und das Leben reagiert: Projekt-Angebote werden an mich herangetragen, ich sprühe voller neuer Ideen - von Festsitzen ist seit meiner Rückkehr keine Spur! Für diesen Wendepunkt bin ich dankbar, auch jenseits von Uganda.

PS: Diesen Beitrag habe ich im Januar kurz nach meiner Heimfahrt aus Uganda geschrieben. Einige Monate danach bin ich wieder nach Ostafrika gereist, wo ich mich noch immer aufhalte. Und obwohl ich diesmal erneut unheimlich viel passiert ist, mir mein Laptop, meine Kamera, mein Herz und vieles mehr gestohlen wurde – trotz all dem stimmt der letzte Satz auch heute. Immer noch.

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Ich mag doch keine Fische vergeben
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Veronika Fischer

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fischundfleisch

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